Schlagwort: John Sculley

  • Steve Jobs Biografie: Visionär, Antreiber & Apple-Gründer (1955–2011)

    Steve Jobs Biografie: Visionär, Antreiber & Apple-Gründer (1955–2011)

    Eine charismatische Ausstrahlung muss Steve Jobs schon als 13 Jahre alter Schüler gehabt haben. Oder war es nur seine Frechheit, mit der er auch später immer wieder Gesprächspartner überrumpeln sollte? Der Achtklässler wollte damals für ein Schulprojekt einen Frequenzzähler bauen und benötigte einige Bauteile dafür. Er sprach keinen Geringeren als Bill Hewlett an, den legendären Mitbegründer des Computerkonzerns Hewlett-Packard (HP). Der Silicon-Valley-Pionier stand in den sechziger Jahren noch im Telefonbuch. Der schlaksige Junge schwatzte dem Konzern-Boss nicht nur die benötigten Bauteile ab, sondern ergatterte auch noch einen Ferienjob bei HP.

    Steve Jobs' Highschool-Foto
    Steve Jobs‘ Highschool-Foto

    Er hielt sich zur richtigen Zeit am richtigen Ort auf. Dabei war Steve Jobs das Schicksal des erfolgreichsten Unternehmers Amerikas nicht in die Wiege gelegt worden. „Er war ein Junge, der kein Geld hatte“, erinnert sich sein Freund und Apple-Mitbegründer Steve Wozniak. „Er hatte nichts außer seinem Verstand. Aber er brachte uns Dinge, die zu einer Herausforderung für uns alle wurde.“

    Paul Otellini, Chef des Chip-Giganten Intel, sagt, ein wahres Genie erkenne man daran, dass mit dem Wirken jede Person auf dem Planeten erreicht werde. „Steve hat das geschafft, und zwar nicht nur einmal, sondern im Laufe seines erstaunlichen Lebens viele, viele Male.“ Im Unterschied zu Industrie-Titanen wie Bill Gates stammte Steve Jobs nicht aus einem wohlhabenden Elternhaus, sondern aus kleinen Verhältnissen.

    Wo stammt Steve Jobs her?

    Steve Jobs with his father Paul Jobs (1958)
    Steve Jobs mit seinem Vater Paul Jobs (1958)

    Steve Jobs wurde am 24. Februar 1955 in San Francisco (Kalifornien) geboren. Seine leiblichen Eltern, der syrische Student Abdulfattah John Jandali und seine amerikanische Freundin Joanne Simpson, gaben ihn nach der Geburt zur Adoption frei. Das damals noch unverheiratete Paar, beide waren 23 und studierten an der Universität Wisconsin, konnte sich 1955 nicht vorstellen, ohne eigenes Einkommen für ein Kind zu sorgen.

    Eigentlich bestanden die beiden darauf, dass ihr Baby bei einer Akademiker-Familie landen solle. Sie sollte sich darum kümmern, dass der Junge später auch auf die Universität gehen kann. Doch die Wunschfamilie bekam in letzter Minute kalte Füße und sagte die Adoption ab. Das Kind landete bei Paul und Clara Jobs. Steves Adoptionseltern waren einfache Leute, sein Vater Automechaniker, seine Mutter Büroangestellte.

    Als Steve fünf Jahre alt war, zogen seine Eltern mit ihm von San Francisco nach Mountain View, mitten in das boomende Silicon Valley. In der neuen Nachbarschaft erzählte er einem Mädchen, dass er ein Adoptivkind war, berichtet Buchautor Walter Isaacson in seiner Biografie über Steve Jobs: „Soll das heißen, dass dich deine richtigen Eltern nicht gewollt haben?“, erkundigte sich das Mädchen. „Das traf mich wie ein Blitz“, erinnerte sich Jobs. „Ich weiß noch, wie ich ins Haus rannte und weinte.“ Die Eltern sagten dann: „Wir haben speziell dich ausgesucht.“ Diese Schlüsselszene beschrieb schon früh im Leben des Steve Jobs das Spannungsverhältnis zwischen den Begriffen „Verlassen“, „Auserwählt“ und „Speziell“.

    Steve Jobs trifft Steve Wozniak

    Wer weiß, wohin der Lebensweg von Steve Jobs geführt hätte, wenn er in der Schule nicht den begeisterten Elektronikbastler Steve Wozniak getroffen hätte, der vier Klassen über ihm war. Trotz des Altersunterschieds fanden die beiden Steves schnell zusammen. „Es kam mir vor, als hätten wir eine Menge gemeinsam“, erinnerte sich Woz später in seiner Autobiografie. „Normalerweise war es für mich ziemlich schwer, anderen die Dinge zu erklären, an denen ich gerade arbeitete, aber Steve hat es sofort kapiert. Ich mochte ihn. Er war ziemlich dünn und drahtig und voller Energie.“

    Steve Jobs (circled) at Homestead High School Electronics Club
    Steve Jobs (eingekreist) im Homestead High School Electronics Club (1969)

    Als Teenager tummelten sich Jobs und sein älterer Freund in der „Phone-Phreaking-Szene“. Hacker wie „Captain Crunch“ hatten mit Hilfe einer Plastikpfeife aus einer Cornflakes-Packung herausgefunden, wie man mit bestimmten Tönen die Systeme des Telefongiganten AT&T manipulieren konnte, um kostenlose Telefonate zu ermöglichen. Die beiden Steves waren elektrisiert.

    Steve Jobs und Steve Wozniak knacken das Telefon-System

    Wozniak and Jobs Blue Box, ca. 1972.
    Blue Box von Wozniak und Jobs (1972)

    Woz konstruierte aus billigen Elektronik-Teilen und einem kleinen Lautsprecher ein vollgestopftes Kästchen, mit dem man die Tonfolgen viel präziser und eleganter erzeugen konnte als mit der Spielzeug-Pfeife. „Mit einer Blue Box konnten wir dem System vorgaukeln, wir seien ein Telefon-Computer“, erinnerte sich Steve Jobs später. „Du konntest aus einer Telefonzelle White Planes, New York, anrufen, dann eine Satellitenverbindung nach Europa aufbauen, eine Kabelstrecke in die Türkei legen, nach Los Angeles zurückverbinden. Man konnte eine Verbindung drei, vier Mal um den Globus herum aufbauen und ein Telefon in der Nachbarschaft anrufen. Wenn man etwas in den Hörer rief, kam es 30 Sekunden später auf dem anderen Hörer an.“

    Die Manipulation des Telefonsystems war natürlich illegal. Das hinderte Woz und Jobs nicht daran, Blue Boxes zu bauen und im Bekanntenkreis zu verkaufen. „Zwei Teenager konnten damals für hundert Dollar eine Box bauen und damit eine Infrastruktur kontrollieren, die mehrere hundert Milliarden Dollar wert war, nämlich das gesamte Telefonsystem der Welt. Das war magisch.“ Bei der „Blue-Box“-Episode blitzte zum ersten Mal der Geschäftssinn von Steve Jobs auf. Während Woz vor allem seine Geek-Kumpanen beeindrucken wollte, ging es seinem jüngeren Freund auch ums Geldverdienen und die Erkenntnis, dass man mit einem kleinen Einsatz große Wetten gewinnen kann.

    Steve Wozniak über die frühen Tage mit Steve Jobs und „Blueboxing“

    „Erfahrungen wie diese zeigten uns, welche Macht eine Idee haben kann“, sagte Jobs viele Jahre später der Santa Clara Valley Historical Association. „Wenn wir keine Blue Boxes gebaut hätten, dann hätten wir auch Apple nie gründet.“ 1972 wollte Jobs unbedingt beim Reed College im benachbarten Bundesstaat Oregon studieren, obwohl ihm klar war, dass sich seine Eltern die Hochschulgebühren nicht leisten konnten. „Alle Ersparnisse meiner Arbeiterklasse-Eltern gingen für meine College-Gebühren drauf“, erinnerte sich Steve Jobs im Juni 2005 anlässlich seiner legendären Eröffnungsansprache für das akademische Jahr an der Stanford University. „Sechs Monate später sah ich keinen Wert mehr darin. Ich hatte überhaupt keine Idee, was ich mit meinem Leben anfangen wollte und konnte mir auch nicht vorstellen, wie das College mir dabei helfen sollte, das herauszufinden.“

    Der legendäre Technikjournalist Wall Mossberg (The Verge) über die Rolle von Steve Jobs und Apple

    Weiterlesen – Teil 2 – Steve Jobs: Die Suche nach dem Sinn des Lebens

  • Wer wird der Nachfolger von Tim Cook?

    Wer wird der Nachfolger von Tim Cook?

    Wie Apple die kommende Führungsgeneration aufbaut

    Vor zehn Jahren hat Steve Jobs seinen Nachfolger bestimmt. Inzwischen bereitet sich Apple auch systematisch auf die Nachfolge von Tim Cook vor. Dabei geht es nicht nur um die Chef-Position, sondern um das Management-Team insgesamt. Das soll jünger und diverser werden. An einem ungewöhnlichen Prinzip hält Apple aber fest.

    Apple-Chef Tim Cook (60) trat vor zehn Jahren in große Fußstapfen. Mit dem Tod von Steve Jobs hatte der Konzern seine Gallionsfigur verloren – den Mann, der Apple vor der Pleite gerettet und unsere technische Moderne entscheidend geprägt hat. Im Sommer 2001 war bereits klar, dass der von Jobs erkorene neue CEO Tim Cook nicht in der Lage sein würde, die Position des legendären Apple-Mitbegründers komplett auszufüllen.

    Doch entgegen mancher Befürchtungen entwickelte sich das Unternehmen unter der Führung von Cook prächtig. Der neue Chef verfügte zwar nicht über das Charisma seines Vorgängers. Aber die Kasse stimmt: Der Umsatz hat sich seit Cooks Amtsantritt mehr als verdoppelt, der Kurs der Apple-Aktie sogar fast verzehnfacht. Damit diese Erfolgsgeschichte auch weitergeschrieben werden kann, wenn Tim Cook irgend nicht mehr an der Spitze steht, arbeitet Apple seit Jahren am Aufbau einer neuen Generation von Führungskräften. Gleichzeitig behält das Unternehmen aber seine Organisationsstruktur bei, die für einen Konzern dieser Größe außergewöhnlich ist.

    Vor der Rückkehr von Jobs 1998 war Apple sehr konventionell strukturiert: Der Konzern war in Geschäftseinheiten unterteilt, die sich an den Produkten orientiert – jede mit eigenen Verantwortlichkeiten für die Gewinn- und Verlustrechnung. Es gab jeweils einen Manager für die Macintosh-Produktgruppe, die Software-Produkte und die Abteilung für Server. Wie in vielen Unternehmen dieser Größe, neigten die Manager allerdings dazu, sich untereinander zu streiten. Dabei ging es selten darum, wie man ein Produkt für die Kunden verbessern oder neue visionäre Produkte entwerfen kann, sondern um Themen wie die internen Verrechnungspreise für Dienstleistungen innerhalb des Konzerns, von denen die Anwender aber nichts hatten.

    Außergewöhnliche Organisationsstruktur

    Steve Jobs zog noch im ersten Jahr nach seinem Comeback die Reißleine und feuerte an einem einzigen Tag alle Geschäftsführer der bestehenden Geschäftseinheiten und verkündete eine umfassende Reorganisation. Das gesamte Unternehmen wurde auf eine konzernweite Gewinn- und Verlustrechnung umgestellt. Damit wurde auch nicht mehr mühsam ausgerechnet, wie sich die einzelnen Bereiche separat schlagen. Seitdem sind Senior Vice Presidents für Funktionen zuständig, nicht mehr für einzelne Produkte. Damit sollte ein einheitlicher Prozess ermöglicht werden, der von der Produktentwicklung über die Produktion bis hin zum Verkauf reicht, ohne dass sich die Manager Gedanken machen müssen, ob ihr Segment auch stets profitabel ist.

    An diesem von Steve Jobs eingeführten Prinzip hat Tim Cook auch nicht gerüttelt, obwohl Apple seit der Einführung der Organisationsstruktur gemessen am Umsatz fast 40-mal so groß und weitaus komplexer ist als 1998. Die Position des CEO ist und bleibt der einzige Punkt im Organigramm des Unternehmens, an dem sich Design, Technik, Betrieb, Marketing und der Verkauf der wichtigsten Apple-Produkte treffen. Zu den moderaten Änderungen, die Cook an der Führungsstruktur vorgenommen hat, gehört die Aufteilung der Hardware-Abteilung in die Bereiche Hardware-Engineering und Hardware-Technologien. Außerdem wurde ein neuer Vorstandsposten für den Bereich Künstliche Intelligenz eingerichtet.

    Als Cook vor zehn Jahren als CEO das Ruder übernahm, stand ihm vor allem Designchef Jony Ive zur Seite. Der Brite war nicht nur für die Gestaltung der Apple-Geräte verantwortlich, sondern verkörperte so etwas wie Herz und Seele von Apple. Er bestimmte allerdings auch mit seinen teilweise umstrittenen Ideen auch die Technik. So waren letztlich die Vorgabe von Ive, wie dünn die neuen Macbook-Modelle sein müssen, dafür mitverantwortlich, dass Apple mit dem dafür notwendigen Tastatur-Design in Schwierigkeiten kam. Erst mit dem Zugeständnis, dass die Notebooks wieder einen Hauch dicker sein dürfen, damit eine Tastatur mit dem bewährten Scheren-Mechanismus Platz findet, konnte das „Keyboard-Gate“ zu den Akten gelegt werden.

    Kronprinz Jeff Williams

    Chief Operating Officer Jeff Williams zeigt die Apple Watch Series 6 am 15. September 2020. Foto: Apple

    Mit dem Ausscheiden von Ive, der Apple Ende 2019 verlassen hat, ist die Position des Chief Design Officers bei Apple vakant. Ives Aufgaben hat Chief Operations Officer Jeff Williams übernommen, der Brite ist angeblich noch als Berater aktiv. Mit der Verantwortung für das operative Geschäft und das Design der Apple-Produkte ist Williams nun aber der mit Abstand mächtigste Mann im Apple-Vorstand hinter Cook.

    Williams hat Maschinenbau studiert und genauso wie Konzernchef Cook einen MBA-Titel an der Duke University erlangt. Wie sein Chef ist Williams eher ein Zahlentyp, kein Designer. Mit der Ive-Nachfolge wurden im Designbereich die Strukturen geändert. Jony Ive war noch dem Konzernchef zugeordnet und berichtete direkt an Steve Jobs und später an Tim Cook. Nun unterstehen sowohl der für das Softwaredesign verantwortliche Alan Dye (Vice President of Human Interface Design) als auch die Hardwaredesign-Chefin Evans Hankey (Vice President of Industrial Design) Williams direkt.

    Mit der großen Machtfülle wird Williams als der offensichtliche Erbe von Cook angesehen, auch weil er in den vergangenen Jahren unter Cook die globalen Operationen des Unternehmens geleitet hat. Ein Übergang auf Williams wäre allerdings kein Generationswechsel, denn er ist nur zwei Jahre jünger als der 60 Jahre alte Konzernchef.

    Nach einem ganz jungen Nachwuchstalent sucht man in der Vorstandsriege aber vergebens. Das Gremium sei „größtenteils mit Senior Vice Presidents besetzt, die mehr als zwei Jahrzehnte bei Apple gearbeitet haben, zig Millionen Dollar verdient haben und im Alter von 55 bis 60 Jahren sind oder sich diesem nähern“, stichelte Apple-Kenner Mark Gurman vom Nachrichtendienst Bloomberg im vergangenen Sommer. Nur Softwarechef Craig Federighi (52) und der neue Senior Vice President für Hardware Engineering, John Ternus (45), fallen aus dieser Reihe.

    Nicht mehr Club der grauen Haare

    Dabei hat sich in der Ära von Tim Cook bereits eine Menge geändert. Nach Abgang von Ive sitzen nur noch zwei Männer neben Cook im Apple-Vorstand, die dort schon vor zehn Jahren vertreten waren, nämlich Eddy Cue und Jeff Williams. Nicht mehr bei Apple ist der ehemalige iOS-Chef Scott Forstall, der von Tim Cook nach der misslungenen Einführung von Apple Maps im Oktober 2012 gefeuert wurde. Die anderen Top-Manager aus der frühen Cook-Ära sind inzwischen im Ruhestand oder ins zweite Glied zurückgetreten. Dazu gehört auch der ehemalige Marketing-Chef Phil Schiller, der nun nicht mehr Vice President ist, sondern sich als Apple Fellow unter anderem um den App-Store kümmert.

    Im Gegensatz zum Team, mit dem Tim Cook vor zehn Jahren angetreten ist, präsentiert sich inzwischen der Apple-Vorstand auch nicht mehr als Club von älteren Männern mit grauen Haaren. Bruce Sewell, bis Ende 2017 der Leiter der Apple-Rechtsabteilung, wurde durch Katherine Adams ersetzt. Als zweite Frau sitzt Retail-Chefin Deirdre O’Brien (55), die Herrscherin über alle Apple Stores, im Vorstand.

    Bozoma Saint John

    Foto: Bozomaasst — CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=91492293

    Wie schwer sich Frauen in der Apple-Hierarchie tun, kann man an der Karriere der schwarzen Musik-Managerin Bozoma Saint John (44) ablesen. „Badass Boz“, wie sie sich auf Instagram nennt, startete ihre Laufbahn als Assistentin des Filmemachers Spike Lee und kam 2014 zu Beats Music, dem damals neuen Streaming-Service des Musikproduzenten Jimmy Iovine. Als Beats wenig später für drei Milliarden Dollar von Apple gekauft wurde, wechselte sie mit Beats als Brandmanagerin zu Apple. „Zu der Zeit gab es in den Führungsetagen niemanden, der wie ich aussah“, sagte sie später in einem Interview mit der Zeitschrift „Brigitte“. „Ich bin nicht durch die Vordertür reingekommen, sondern durch ein gekipptes Fenster gekrochen.“

    Im Apple-Universum bekannt wurde sie durch einen inzwischen legendären Auftritt auf der Entwicklerkonferenz WWDC im Juni 2016. Das Online-Portal Buzzfeed lobte „Boz“ daraufhin als den „coolsten Menschen, der je bei einer Apple-Veranstaltung auf der Bühne stand“. Und „Wired“ fragte sich verwundert: „Wer zur Hölle ist diese Frau und wie konnte Apple sie so lange versteckt halten?“ Apple-CEO Cook ließ sie dann aber schon ein Jahr später wieder weiterziehen, als der Fahrdienstvermittler Uber mit Saint John als „Chief Brand Manager“ sein ramponiertes Image aufpolieren wollte. Mittlerweile ist „Boz“ Marketingchefin bei Netflix, dem erfolgreichsten Streaming-Dienst der Welt mit einem Marktwert von 180 Milliarden Euro.

    Experten führen Experten

    Für eine noch steilere Karriere bei Apple war Bozoma Saint John dann vielleicht doch zu schillernd. Dabei hätte sie eigentlich gut in das generelle Management-System von Apple gepasst, weil sie eine anerkannte Expertin auf ihrem Gebiet ist. Die Fachpublikation „Harvard Business Review“ beschreibt dieses Grundprinzip so: „Apple konkurriert in Märkten, in denen der technologische Wandel und die Disruption so rasant verläuft, so dass das Unternehmen sich auf das Urteilsvermögen und die Intuition von Personen mit tiefem Wissen über die dafür verantwortlichen Technologien verlassen muss.“ Das Unternehmen müsse Wetten darüber abschließen, welche Technologien und Designs in Smartphones, Computern und anderen Produkten wahrscheinlich erfolgreich sein werden, lange bevor es Markt-Feedback und solide Marktprognosen erhalte. „Wenn man sich auf technische Experten statt auf Geschäftsführer verlässt, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass diese Wetten aufgehen.“

    Daher haben bei Apple nicht die Betriebswirte, Juristen und andere „General Manager“ das Sagen, sondern die Fachleute. Der iPhone-Hersteller ist ein Unternehmen, in dem Experten andere Experten leiten. Diese Struktur baut auf der These auf, dass es einfacher ist, einem Experten beizubringen, wie man gut managt, als einen Manager zu trainieren, ein Experte zu werden. Selbst Konzernchef Tim Cook hatte Ingenieurswissenschaft studiert, bevor er sich zu einem anerkannten Logistikexperten entwickelte.

    Dieses Prinzip fußt aber auch auf den historischen Erfahrungen, die Apple mit Managern wie John Sculley, Michael Spindler und Gil Amelio, die den PC-Pionier in den achtziger und neunziger Jahren fast in den Konkurs geführt haben. Insbesondere die Ära von John Sculley hat bei Apple ein Trauma hinterlassen. Sculley war President bei der PepsiCo und wusste, wie ein großer Konzern gemanagt werden muss. Von Computern hatte er allerdings keine Ahnung. Weil er die Fachwelt aber mit innovativen Werbekampagnen wie der Pepsi-Challenge beeindruckt hatte, wurde auch Apple 1983 auf ihn aufmerksam. Steve Jobs hat ihn dann persönlich mit einem provakanten Spruch geködert. „Willst du für den Rest Deines Lebens Zuckerwasser verkaufen? Oder willst Du mit mir kommen und die Welt verändern?“, fragte Jobs den Top-Manager aus New York.

    Historisches Trauma

    Als ‘Apple's Dynamic Duo‘ gefeiert: Steve Jobs und John Sculley auf dem Cover der BusinessWeek
    Als ‘Apple’s Dynamic Duo‘ gefeiert: Steve Jobs und John Sculley auf dem Cover der BusinessWeek

    Das „Dynamic Duo“ aus Sculley und Jobs hielt aber nicht lange zusammen, sondern zerbrach zwei Jahre später über eine Auseinandersetzung, wie der damals neu entwickelte Apple Macintosh zu vermarkten ist. Jobs verlangte Preissenkungen und eine teure Werbekampagne, um den damals noch enttäuschenden Absatz des Macs zu pushen. Sculley wollte lieber den Verkauf des Apple II als Brot-und-Butter-Geschäfts fördern. Jobs unterlag in diesem Konflikt, weil der Verwaltungsrat nicht alles auf die Macintosh-Karte setzen wollte und dem ehemaligen Pepsi-Manager den Rücken stärkte. Daraufhin Jobs verließ Apple 1985 im Streit. „Nun, was soll ich sagen. Ich habe den falschen Typen eingestellt“, sagte Jobs rund zehn Jahre später in der TV-Dokumentation „Triumph of the Nerds“.

    Mit der Einstellung von Sculley hatte Jobs gegen seine eigene These verstoßen, dass Apple-Manager Experten in ihrem Fachgebiet sein sollten. In einem Interview aus dem Jahr 1984 sagte er: „Wir hatten diese Phase bei Apple, in der wir dachten: Oh, wir werden eine große Firma sein, lass uns ein professionelles Management einstellen. Wir gingen los und stellten einen Haufen professionelles Management ein. Es hat überhaupt nicht funktioniert. Sie wussten, wie man managt, aber sie wussten nicht, wie man irgendetwas erledigt. Wenn Sie ein großartiger Mensch sind, warum wollen Sie dann für jemanden arbeiten, von dem Sie nichts lernen können?“ Die besten Manager seien „die großartigen individuellen Mitarbeiter, die niemals ein Manager sein wollen, aber entscheiden, dass sie es sein müssen, weil niemand sonst einen so guten Job machen würde.“

    Im aktuellen Vorstand ist Craig Federighi das Paradebeispiel für den Grundsatz, dass Experten andere Experten leiten. Der Manager mit der markanten Frisur, mit der er sich selbstironisch auch als „Hairforce One“ beschreibt, ist studierter Informatiker.

    Craig Federighi auf der WWDC 2020. Foto: Brooks Kraft (Handout Apple)

    Nach seinem Studium hat Federighi schon bei Steve Jobs’ Firma NeXT Computer gearbeitet, wo er die Entwicklung des Enterprise Objects Framework leitete.  Nach einem kurzen Einsatz bei Apple sammelte er beim Startup Ariba als Chief Technology Officer erste Management-Erfahrung. Im Jahr 2009 kehrte Federighi zu Apple zurück und übernahm die Leitung der OS-X-Entwicklung. Seitdem kletterte er die Karriereleiter steil hinauf, auch begünstigt durch seine fulminanten Auftritte auf den Entwicklerkonferenzen WWDC und bei Produkt-Keynotes.

    Talente bei “Hair Force One”

    Im Team von Federighi haben sich zwei Manager ebenfalls einen guten Ruf erarbeitet und für höhere Aufgaben empfohlen, nämlich Jon Andrews und Sebastien Marineau-Mes. Andrews ist für CoreOS zuständig. Das ist die grundlegendste Komponente von Apples Betriebssystemen macOS, iOS, iPadOS, watchOS und tvOS, also die Schicht, die die zugrunde liegenden Funktionen wie drahtlose Netzwerke und das Dateisystem verwaltet. Etliche Apple-Beobachter trauen Andrews zu, seinen Vorgesetzten Federighi einmal beerben zu können, wenn dieser weiter befördert würde oder – was eher unwahrscheinlich ist – Apple verlassen sollte. Marineau-Mes war mal Softwarechef von Blackberry und kam 2014 zu Apple. In den ersten Jahren hatte er die heutige Rolle von Andrews inne, wurde aber 2016 damit beauftragt, sich um das Thema Systemsicherheit sowie um die Apps Fotos und Kamera zu kümmern. In jüngerer Zeit hat Marineau-Mes an Funktionen wie den neuen iOS 14 Widgets gearbeitet.

    Zur Truppe von Federighi gehört auch der Deutsche Andreas Wendke, der ebenfalls den Titel „Vice President in Software Engineering“ trägt. Er hat an der Universität Hamburg Physik studiert und arbeitet seit 1997 für Apple. Wendke hatte zuletzt einen großen Auftritt bei der Präsentation der neuen Mac-Generation mit Apples selbst entwickelten M1-Chips. Er durfte vor großem Streaming-Publikum erläutern, welche Vorteile der Umstieg von der Intel-Plattform auf die neuen ARM-Chips haben und wie leicht der Umstieg dank „Rosetta 2“ fallen wird.

    Mit seinem Auftritt ist Wendke dem breiten Publikum sogar bekannter als der wichtige Hardware-Manager Dan Riccio (57), in der Apple-Hierarchie über dem Deutschen steht. Riccio war lange Zeit im Apple-Vorstand als Senior Vice President für den Bereich Hardware Engineering zuständig. Er wird auf dem Organigramm des Apple-Managements noch immer auf dieser Position gelistet, obwohl er im Januar durch den Ingenieur John Ternus abgelöst wurde. Zu seiner neuen Rolle hat Apple sich nur kryptisch geäußert. Er dürfte sich aber auf die kommenden Virtual- und Augmented-Reality-Geräte des Unternehmens konzentrieren. Damit dürfte es sich lohnen, die Karriere von Riccio weiter zu beobachten, denn schließlich könnte es sein, dass aus seinem neuen Betätigungsfeld das neue „One More Thing“ kommen wird.

    Supertalent John Ternus

    Mit seinem Nachfolger auf der Position des Senior Vice Presidents für Hardware Engineering, John Ternus (45), hat Apple einen vergleichsweise jungen Top-Manager in seinen Reihen, der aber bereits über eine große Erfahrung verfügt. So war er bereits unter Riccio für die Hardware-Entwicklung des iPad und des Mac zuständig und zuletzt an der Entwicklung des iPhone 12 maßgeblich beteiligt. In Cupertino sagt man sich, Ternus sei ein angesehener Manager, der die Technologie versteht und trotz seines steigenden Bekanntheitsgrades bescheiden geblieben ist. Mit diesen Eigenschaften könnte er bald in die erste Reihe, auch weil er seinen Teil dazu beigetragen hat, dass der Umstieg von den Intel-Chips auf das Apple Silicon bislang so reibungslos gelaufen ist.

    Ternus ist ein Apple-Gewächs: Er hat nach seinem Ingenieursstudium an der University of Pennsylvania nur kurz bei einem Startup gearbeitet, um dort von Apple im Jahr 2001 entdeckt zu werden. Seitdem hat er fast die Hälfte seines Lebens für den iPhone-Hersteller gearbeitet.

    John Giannandrea – Foto: Handout Apple

    Bei der Besetzung wichtiger Posten wird der Konzern aber nicht immer in den eigenen Reihen fündig, sondern muss erfahrene Experten von anderen Silicon-Valley-Größen abwerben. So landete Apple im April 2018 einen großen Coup, als es Tim Cook gelang, Googles Chef für Suche und künstliche Intelligenz, John Giannandrea, einzustellen. Der gebürtige Schotte bekam den lukrativen Auftrag, die strategischen Entscheidungen zu den Bereichen „maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz“ zu verantworten und einer von 16 Führungskräften zu werden, die direkt an den Apple-Chef berichten.

    Impulse von außen

    Giannandrea, der von seinen Kollegen J.G. genannt wird, dürfte zu den bestbezahlten Apple-Managern gehören, denn Experten aus der ersten KI-Liga können im Silicon Valley auch achtstellige Jahresgehälter verlangen. Bei Google hat Giannandrea entscheidend dazu beigetragen, die Integration künstlicher Intelligenz in alle Google-Produkte voranzutreiben, einschließlich der Internetsuche, Gmail und dem Google Assistant. Die Beförderung von J.G. zum Senior Vice President bei Apple ist aber auch ein Eingeständnis, dass beim iPhone-Hersteller nicht alles rund läuft. Schließlich gehört es auch zur Aufgabe von Giannandrea dem Apple-Sprachassistenten Siri auf die Beine zu helfen, der bislang nicht mit dem Google Assistant oder Amazon Alexa mithalten kann.

    Die funktionale Organisationsstruktur von Apple dürfte den Vorstellungen von Giannandrea entgegenkommen. Schließlich wird künstliche Intelligenz in quasi allen Apple-Produkten künftig eine stärkere Rolle spielen. J.G. muss gleichzeitig aber damit klarkommen, dass Apple dem KI-Einsatz deutlich engere Grenzen setzt als sein alter Arbeitgeber. Apple hat eine viel strengere Vorstellung vom Schutz der Privatsphäre der Kunden. Das könnte bei der Entwicklung von Diensten, die neuronale Netzwerke verwenden, von Nachteil sein. Wenn Giannandrea allerdings dieser Spagat gelingt, nämlich Algorithmen zu trainieren, ohne die Privatsphäre zu gefährden, könnte er sich auch für höhere Aufgaben qualifizieren, vielleicht sogar für die Position des Apple CEO.

  • Apple Macintosh – Der Fehlstart (1984-1985)

    Apple Macintosh – Der Fehlstart (1984-1985)

    Der Fehlstart des Apple Macintosh (1984-1985)

    Teil 2

    Das Konzept des Macintosh überzeugte viele Enthusiasten sofort. Der kommerzielle Erfolg des Macs stellte sich jedoch erst nach einer längeren Durststrecke ein. Im Sommer 1981 war Apple noch davon ausgegangen, dass zwischen 1982 und 1985 über 2,2 Millionen Macs verkauft werden können, also rund 47.000 Stück pro Monat. Doch nun kam der Mac erst Anfang 1984 auf den Markt. Und nachdem die Fans ihren ersten Kaufrausch befriedigt hatten, sackte der Absatz des Macintosh dramatisch auf rund 5000 Geräte pro Monat ab. In Deutschland war der Mac zwar der Star der Hannover-Messe im Frühsommer 1984. Er verschwand dann aber zunächst wieder in der Versenkung.

    Apple-Mitbegründer Steve Jobs und Apple-CEO John Sculley
    Apple-Mitbegründer Steve Jobs und Apple-CEO John Sculley

    An dem bescheidenen Start des Macs konnte auch der damalige Apple-Chef John Sculley wenig ändern. Ganz im Gegenteil: Mit seinen hohen Marketingausgaben hatte Sculley dazu beigetragen, dass der Preis des Macs über die Schwelle von 2000 Dollar rutschte, was Jobs unbedingt verhindern wollte. Jobs hatte Sculley von Pepsi mit dem legendären Satz „Wollen Sie Ihr Leben lang Zuckerwasser verkaufen oder die Welt verändern?“ abgeworben, um das Management und Marketing bei Apple zu professionalisieren. Und zunächst arbeiteten Jobs und Sculley bei Apple trotz sehr unterschiedlicher Führungsmethoden harmonisch zusammen. Sie wurden von der Öffentlichkeit sogar als das „Dynamic Duo“ bei Apple gefeiert. Doch der schleppende Absatz des Macs führte schnell zu ernsten Spannungen zwischen Jobs und Sculley.

    In einem TV-Interview erinnerte Sculley sich später: „Der Mac konnte einfach nicht viel: Wir hatten Mac Paint und Mac Write als einzige Anwendungen, und der Markt hatte das schon gemerkt. Am Ende des Jahres sagten die Leute: Vielleicht ist der IBM-PC nicht so einfach zu benutzen oder so attraktiv wie der Macintosh. Aber er macht etwas, was wir gerne tun wollen – Tabellenkalkulation, Textverarbeitung, Datenbank. Wir sahen die Umsatzzahlen für den Mac Ende 1984 runtergehen, und das wurde ein Problem im folgenden Jahr.“

    Macintosh XL (1985)
    Macintosh XL (1985)

    Der mit 128 Kilobyte viel zu enge bemessene Hauptspeicher des Macs machte diese Aufgabe aber nicht einfach. Erst als ein Jahr später der „Fat Mac“ mit 512 Kilobyte DRAM raus kam, war der Flaschenhals beseitigt. Der Mac 512K war der erste Macintosh, mit dem man vernünftig arbeiten konnte.

    Apple LaserWriter (1985)
    Apple LaserWriter (1985)

    Steve Jobs musste die ersten Erfolge des Macintosh am Markt von außen beobachten: Im Sommer 1985 war er von Sculley und dem Apple-Board aus dem Unternehmen gedrängt worden. Softwarefirmen wie Aldus hatten erste Desktop-Publishing-Programme wie PageMaker für den Mac geschrieben. In Kombination mit dem Apple LaserWriter und dem von Adobe geschaffenen Seitenbeschreibungsstandard PostScript krempelten Apple, Adobe und Aldus die Technik der Publishing-Branche völlig um.

    Dieser Trend verstärkte sich, als Anfang 1986 der Macintosh Plus mit 128 Kilobyte ROM auf den Markt kam. Die Speicherchips waren nun nicht mehr fest auf der Platine verlötet, sondern gesockelt. So konnte man das Gerät auf bis zu vier Megabyte RAM aufrüsten.

    Macintosh Plus (1986)
    Macintosh Plus (1986)

    Der Mac Plus hatte sogar Cursor-Tasten auf der Tastatur, die Steve Jobs beim ersten Mac noch entschieden abgelehnt hatte, weil er die Anwender zwingen wollte, die Maus als Eingabeinstrument zu akzeptieren.

    Auf die innere Moral bei Apple hatte der Weggang von Steve Jobs aber verheerende Folgen. Glaubt man Andy Hertzfeld, gingen mit dem Mitbegründer auch seine Kernwerte verloren, nämlich brillantes Design und höchste Kreativität.

    Weiterlesen: Teil 3: Auf dem Weg in die Nische (1986 – 1994)

    30 Jahre Apple Macintosh

    Teil 1: Von der Vision zum Launch (1980-1984)
    Teil 2: Der Fehlstart (1984-1985)
    Teil 3: Auf dem Weg in die Nische (1986 – 1994)
    Teil 4: Der Mac in der System-Krise (1994-1997)
    Teil 5: Der Neuanfang mit Steve Jobs (1997-2001)
    Teil 6: Der iMac als Digital Hub (2001-2014)
    Teil 7: Mac Pro (2006-2014)
    Teil 8: Der mobile Erfolg (2008-2014)
    Teil 9: Die Zukunft des Macs

  • Steve Jobs (4) – Die Erleuchtung im Xerox PARC

    Steve Jobs (3) – Gründung von Apple und erster Erfolg mit dem Apple II

    Steve Jobs celebrating Apple's IPO (1980)
    Steve Jobs feiert den Börsengang von Apple (1980)

    Der Börsengang von Apple am 12. Dezember 1980 hatte für Steve Jobs eine bittere Konsequenz. Im Unterschied zu Bill Gates bei Microsoft war der Apple-Mitbegründer nicht mehr der maßgebliche Entscheider in „seinem“ Unternehmen. Er verfügte zwar über massig Geld, aber nicht mehr über die Mehrheit der Firmen-Anteile. Das Kommando bei Apple hatte nun das von den Investoren bestimmte Management. Die zentrale Figur an der Führungsspitze von Apple war damals „Angel Investor“ Mike Markkula, der im Sommer 1981 den Posten des Geschäftsführers von Mike Scott übernommen hatte. Markkula und Jobs waren sich aber einig, dass an der Spitze des Apple-Managements eine charismatische Figur stehen sollte, die die Methoden des modernen Marketings aus der Konsumgüter-Industrie bei Apple einführen sollte. An der Ostküste der USA in der Führungsetage des CocaCola-Konkurrenten PepsiCo wurden Jobs und Markkula fündig.

    Steve Jobs und John Sculley: Das „Dynamic Duo“

    Apple's Dynamic Duo
    Dynamic Duo (1984)

    „Wollen Sie Ihr Leben lang Zuckerwasser verkaufen oder die Welt verändern?“ Mit diesem berühmt gewordenen Satz überzeugte Steve Jobs 1983 den Pepsi-Manager John Sculley zum Wechsel in die Computer-Industrie und zum Umzug nach Kalifornien. Doch das „Dynamic Duo“ funktionierte nicht lange. Schnell wurde deutlich, dass sich der Apple-Mitbegründer Jobs und der Apple-CEO Sculley in zentralen Fragen wie der Vermarktungsstrategie für den Macintosh nicht einigen konnten. Dessen Anfänge gehen in die Zeit vor dem Börsengang von Apple zurück: Markkula und Scott hatten im April 1979 den begabten Ingenieur Jef Raskin beauftragt, einen „Volkscomputer“ zu konstruieren.

    Raskin stellt das erste Entwickler-Team zusammen und erfand auch den Namen Macintosh, zuerst „McIntosh“ nach seiner Lieblings-Apfelsorte. Weil er aber juristische Schwierigkeiten mit dem gleichnamigen Hersteller von Hifi-Anlagen befürchtete, fügte er später den Buchstaben „a“ ein.

    Der neue Volkscomputer sollte die Abhängigkeit des Unternehmens vom Megaseller Apple II reduzieren. Aber das Projekt kam nur mühsam voran, auch weil Steve Wozniak keine wirklich aktive mehr Rolle spielte. Nach einem Flugzeugabsturz mit seiner Beechcraft Bonanza im Februar 1981 hatte sich Woz weitgehend von Apple zurückgezogen.

    Zum großen Ärger von Raskin war es dann Steve Jobs, der in dieser Phase bei Apple auch technologisch die Richtung vorgab. Dabei war Jobs kein Erfinder, Ingenieur oder Programmierer. Jobs konnte aber die Tragweite von neuen technologischen Konzepten viel besser einschätzen als andere.

    Wie Steve Jobs sich im Forschungszentrum Xerox PARC inspirieren ließ

    Sein Meisterstück beim Technologie-Scouting legte Steve Jobs im Fall Xerox PARC ab – obwohl auch hier die ersten Impulse von Raskin kamen. Raskin hat nach eigenem Bekunden das legendäre kalifornische Forschungszentrum im benachbarten Palo Alto bereits 1976 besucht und versuchte danach, die beiden Apple-Gründer Jobs und Wozniak ebenfalls zu einem Besuch zu bewegen. Jobs habe das aber zunächst abgelehnt, weil er sich nicht habe vorstellen können, dass eine größere Firma überhaupt in der Lage sein kann, irgendwelche interessanten Dinge zu entwickeln. Doch 1979 war es soweit. Auf Drängen von Raskin besuchte Jobs mit einem kleinen Team von Apple-Entwicklern Xerox PARC und konnte dort einen Blick in die Zukunft werfen: „Ich war total geblendet von dem ersten Ding, das sie mir zeigten: die grafische Bedienoberfläche. Ich dachte, das ist das beste Ding, was mir je in meinem Leben unter die Augen gekommen ist“, sagte Jobs 1995 in einem TV-Interview.

    Steve Jobs hatte im Xerox PARC das Licht gesehen. Nun wollte er auch bei Apple einen Computer bauen, der kinderleicht zu bedienen war. Den Eintritt ins Forschungszentrum PARC hatte sich Apple durch einen Aktiendeal erkauft, der den bornierten Xerox-Managern an der Ostküste lukrativ erschien: Xerox durfte noch vor dem Börsengang von Apple 100 000 Aktien des Start-up-Unternehmens für eine Millionen Dollar kaufen. Kurzfristig hatte sich dieser Deal gelohnt, denn die Anteile waren nun bereits 17,6 Millionen Dollar wert. Langfristig verspielte Xerox jedoch die Chance, die Bedeutung eines Branchenriesen wie Microsoft oder IBM zu erlangen, weil die Arbeit ihrer Forscher in Kalifornien hausintern ignoriert wurde.

    Xerox PARC

    John Warnock: „Im Xerox PARC gab es hundertprozentige intellektuelle Freiheit“

    Larry Tesler, der damals als Xerox-Angestellter an der Vorführung der GUI für die bunte Apple-Truppe teilnahm, war von den Besuchern fasziniert, die wie Hippies aussahen: „Nach einer Stunde verstanden sie die Technologie unserer Demos und was sie bedeuteten besser als jeder Xerox-Manager nach all den Jahren, in denen wir sie ihnen gezeigt hatten.“ Steve Jobs sah das ähnlich: „Innerhalb von zehn Minuten war mir klar, dass eines Tages alle Computer so arbeiten würden.“

    Ausschnitt aus der TV-Doku „Triumph of the Nerds“

    Steve Jobs sollte recht behalten. Als den Xerox-Managern zehn Jahre später dämmerte, dass sie Apple das geistige Eigentum ihrer Forscher im PARC für kleines Geld auf dem Silbertablett serviert hatten, zogen sie vor Gericht. Im Dezember 1989 verklagte Xerox Apple Computer und verlangte 150 Millionen Dollar Schadensersatz. In der Sache wurde vor Gericht aber gar nicht mehr verhandelt, weil mögliche Ansprüche von Xerox inzwischen verjährt waren. Den ersten Versuch, die grafische Bedienoberfläche auf dem Massenmarkt einzuführen, unternahm Apple 1983 mit dem Modell Lisa. In Anzeigen wurde der Rechner mit der bemerkenswerten Software als „Maserati für Ihr Gehirn“ beworben. Der Geschäftserfolg blieb allerdings aus. Der Preis von 10 000 Dollar war viel zu hoch, um die vielen Interessenten in Scharen tatsächlich zum Kauf zu bewegen.

    Der Besuch im Xerox PARC im Film „Pirates of Silicon Valley (1999)“

    Weiterlesen – Teil 5 – Die Macintosh-Piraten

  • Steve Jobs (6): Das Dynamic Duo bricht entzwei – Neustart mit Pixar

    Steve Jobs (5) – Die Macintosh-Piraten

    Der schwierige Start des Apple Macintosh

    Mit dem Macintosh hatte Steve Jobs einen neuen Meilenstein der Computer-Entwicklung gesetzt. Doch Apple musste zunächst eine lange Durststrecke überwinden, um den kommerziellen Durchbruch zu schaffen. Das lag auch daran, dass das erste Mac-Modell mit 128 Kilobyte Hauptspeicher deutlich zu knapp ausgestattet war. Apple-Fellow Alan Kay beschrieb den Mac damals als einen „Honda mit einem Ein-Gallonen-Tank“. Außerdem fehlten damals noch die Anwendungen wie Aldus Pagemaker oder Peripheriegeräte wie der Laserdrucker, mit denen man später die Stärken der Mac-GUI im Desktop Publishing nutzen konnte.

    Im April 1985 eskalierte der Konflikt. In einem zweitägigen Marathon-Meeting verlangte Sculley, Jobs den Posten des Apple Vice President und General Managers der Macintosh-Abteilung zu entziehen.

    John Sculley sieht rückblickend diese Krise so: „Es war wirklich nicht die Schuld von Steve Jobs. Es ging nur um Moores Gesetz. Das Mooresche Gesetz ist ein sehr vorhersehbares, beständiges Gesetz, das besagt, dass sich alle etwa 12 bis 18 Monate die Anzahl der Transistoren verdoppelt. Und damit verdoppelt sich die Leistung eines Computers. Und die Realität war, dass der Macintosh Office einfach nicht leistungsfähig genug war. Das hatte nichts mit Apple zu tun. Es hatte mit dem Stand zu tun, in dem sich die Mikroprozessor-Technologie befand. Der Mac konnte einfach nicht sehr viel tun. Er wurde als Spielzeug bezeichnet. Er wurde auf dem Markt lächerlich gemacht.

    Steve Jobs sei zu ihm gekommen und habe gesagte: „Ich möchte den Preis des Macintosh senken und ich möchte die Werbung verlagern, einen großen Teil davon weg vom Apple II hin zum Mac.“

    Sculleys Antwort lautete: „Steve. Es wird keinen Unterschied machen. Der Grund, warum sich der Mac nicht verkauft, hat nichts mit dem Preis oder mit der Werbung zu tun. Wenn du das tust, riskieren wir, die Firma in die Verlustzone zu stürzen“. Jobs war völlig anderer Meinung als Sculley. Der Ehemalige Pepsi-Manager sagte: „Nun, ich werde zum Vorstand gehen“ und worauf er antwortete: „Ich glaube nicht, dass Du das tun wirst.“

    Hier hatte Jobs aber Sculley unterschätzt. „Und so gingen wir zum Vorstand. Und jeder von uns präsentierte seinen Fall vor dem Vorstand. Sie trafen sich mit jedem von uns einzeln. Und dann beauftragten sie den stellvertretenden Vorsitzenden, den dritten Mitbegründer von Apple, Mike Markkula, loszugehen und die Frage zu untersuchen und mit verschiedenen Führungskräften und Ingenieuren zu sprechen.“ Nach gut einer Woche kam Markkula zurück zum Vorstand und sagte: „Ich stimme John zu. Ich stimme nicht mit Steve überein.“

    John Sculley erzählt, wie es zum Bruch mit Steve Jobs kam und welchen großen Fehler er sich selbst nicht verzeihen kann

    Steve Jobs verliert den Showdown und verlässt Apple

    'Der Fall des Wunderkindes' auf dem Titel von Newsweek
    ‚Der Fall des Wunderkindes‘ auf dem Titel von Newsweek

    Ende Mai 1985 verlor Jobs seine Verantwortlichkeiten und wurde auf den Chairman-Posten abgeschoben. Im September 1985 verließ der Apple-Mitbegründer mit einer Handvoll Leute das Unternehmen, um NeXT Computer zu begründen. „Ich bin erst 30 Jahre alt und möchte noch etwas leisten und erreichen“, schrieb Jobs zum Abschied an Mike Markkula.

    Die Reaktionen der Apple-Beschäftigten auf den De-facto-Rauswurf offenbarten beide Seiten des Steve Jobs: Andy Hertzfeld, einer der Väter des Macintosh, trauerte Jobs offen hinterher, obwohl auch er von ihm mit rüden Methoden angetrieben worden war: „Apple hat damals seine Seele verloren“, sagte der Software-Entwickler, der nach dem Weggang von Jobs Apple verließ und zuletzt mit dem Design von Google+ Schlagzeilen machte. Larry Tesler, der von Xerox zu Apple gekommen war, sprach aber auch die dunkle Seite des Mitbegründers offen an: „Jeder war an irgendeinem Punkt von Steve Jobs terrorisiert worden. So waren manche erleichtert, dass der Terrorist gegangen war.“

    Bei der Entwicklung des Macintosh hatte sich Jobs um jedes noch so winzige Detail gekümmert und war seinen Mitarbeiten mit seiner Kompromisslosigkeit immer wieder auf die Nerven gegangen. Dem Pixar-Management ließ er hingegen große Freiheiten. Doch dieser Spielraum zahlte sich zunächst nicht aus. Das eigentliche Kernprodukt, der Pixar Image Computer zur Animation von Filmsequenzen, verkaufte sich nur schleppend. Dafür sammelten die Kurzfilme des genialen Pixar-Angestellten John Lasseter auf Filmfestivals einen Preis nach dem anderen ein, obwohl die Streifen eigentlich nur als Demos für die Leistungsfähigkeit der Pixar-Hardware gedacht waren. Deshalb fokussierte sich Pixar Anfang der neunziger Jahre auf die Filme selbst, nicht mehr auf die Hardware.

    Steve Jobs wird mit „Toy Story“ zum Milliardär

    Der Durchbruch gelang Lasseters Mannschaft mit dem computeranimierten Zeichentrickfilm „Toy Story“, den Pixar für Disney produziert hatte. Mit einem Produktionsetat von 30 Millionen Dollar spielte der Film über 360 Millionen an den Kinokassen und in der Zweitvermarktung ein. Kurz nach dem Start von „Toy Story“ am 29. November 1995 ging Pixar an die Börse.

    Steve Jobs, der inzwischen sein Vermögen aus der ersten Apple-Ära durch die ständigen Zuwendungen an NeXT und Pixar fast aufgebraucht hatte, wurde dadurch zum Milliardär. „Andere haben einfach den Istzustand hingenommen“, sagte George Lucas nach dem Tod von Jobs. „Das Magische bei Steve war, dass er bei allem, was er berührt hat, das wahre Potenzial erkannte und bei seiner Vision keine Kompromisse einging.“

    Weiterlesen: Teil 7 – Auf zu neuen Ufern mit NeXT

  • Steve Jobs (7): Auf zu neuen Ufern mit NeXT

    Steve Jobs (6): Das Dynamic Duo bricht entzwei – Neustart mit Pixar

    NeXT-Logo
    NeXT-Logo

    Steve Jobs’ neue Computerfirma NeXT war anders als das Filmstudio Pixar komplett auf den Chef ausgerichtet. Hier sollte der Computer entstehen, den Jobs bei Apple nicht bauen durfte. Als die Geldvorräte knapp wurden und immer noch kein Produkt in Sicht war, schwatzte er dem Multimillionär Ross Perot 20 Millionen Dollar ab, um eine hypermoderne Fabrik für die Produktion des NeXT bauen zu lassen.

    Den legendären Designer Paul Rand, der zuvor den IBM-Schriftzug entworfen hatte, beauftragte Jobs mit der Gestaltung des NeXT-Logos, der deutsche Designer Hartmut Esslinger schuf das legendäre schwarze Würfel-Gehäuse. Und Steve Jobs kümmerte sich um Details, die seinen Mitarbeitern kaum zu vermitteln waren. So verlangte er, dass die Schrauben im Rechner eine teure Beschichtung erhielten und der mattschwarze Lack auch auf der Innenseite des Gehäuses aufgetragen wurde, obwohl der Anwender dies nie zu sehen bekommen würde. „Er kannte keine Kompromisse“, sagt Esslinger. Wer einen NeXT-Cube ausprobierte, war in der Regel begeistert.

    Tim Berners-Lee's NeXT cube at CERN
    NeXT-Cube von Tim Berners-Lee am CERN

    Doch die 6500 Dollar, die der NeXT-Würfel kostete, waren den meisten Interessenten zu viel. Außerdem gab es für die leistungsfähige Workstation damals noch kaum Software, sodass insgesamt nur rund 50 000 Systeme abgesetzt wurden. Deshalb fand Jobs für die teure Hardware – ähnlich wie beim ersten Macintosh – nur wenig Käufer. Immerhin war unter den europäischen NeXT-Anwendern der britische Wissenschaftler Tim Berners-Lee, der auf einem schwarzen NeXT-Cube am Forschungszentrum CERN in Genf das Konzept des World Wide Web und den ersten Browser entwickelte.

    In dieser Zeit lernte Archibald Horlitz, Chef des größten deutschen Apple-Händlers Gravis, Steve Jobs kennen. Horlitz hatte von dem neuen Projekt gehört und klopfte bei einer Kalifornien-Reise spontan bei NeXT an, um sich vom Chef persönlich das System vorführen zu lassen. „Steve Jobs hatte mehrere Facetten. Wenn er etwas wollte, konnte er einer der charmantesten Menschen der Welt sein“, erinnert sich Horlitz. „Ich habe von einem Kollegen bei NeXT gehört, wie dort typische Einstellungsgespräche abliefen. Er nahm die Leute im wahrsten Sinne des Wortes in den Arm und lief mit ihnen ein, zwei Stunden über den Stanford-Campus. Wenn sie dann zurückkamen, waren sie erleuchtet und konnten sich nichts Schöneres vorstellen, als für ihn zu arbeiten.“

    Jobs konnte so eine Reihe von großen Talenten wie Avie Tevanian oder Scott Forstall an sich binden. Doch eine wirtschaftliche Besserung für NeXT war nicht in Sicht. Das Unternehmen verbrannte bedenklich viel Geld – und bei Jobs gingen (noch vor dem Pixar-Börsengang) langsam die finanziellen Reserven zu Neige. 1993 zog er bei NeXT die Notbremse, entließ viele Mitarbeiter und stellte die Hardware-Produktion ein. NeXT fokussierte sich jetzt allein auf die Software-Entwicklung. Und wie bei einem Treppenwitz der Geschichte kam Steve Jobs mit dieser strategischen Entscheidung wieder bei seinem alten Unternehmen Apple ins Spiel.

    NeXT rettet Apple

    Apple befand sich Mitte der neunziger Jahre in einem denkbar schlechten Zustand. John Sculley hatte zwar Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre einige Erfolge in der Publishing-Industrie feiern können. Produkte wie die PowerBook-Familie kurbelten eine Zeitlang den Umsatz an. Doch an die Absatzzahlen der Hersteller von IBM-kompatiblen PCs mit dem Betriebssystem DOS von Microsoft kam Apple mit dem Macintosh nicht heran. Zum Start des Macs hatte Bill Gates 1984 den Apple-Rechner noch öffentlich als innovative PC-Plattform gelobt. Doch hinter dem Rücken von Steve Jobs machte sich der Microsoft-Gründer daran, die Konzepte des Macintosh für sein Windows-System auszuplündern. Jobs bekam Wind davon und stellte Gates wütend zur Rede: „Du zockst uns ab. Ich habe dir vertraut und jetzt beklaust du uns!“ Der Microsoft-Chef blieb ganz cool: „Ich glaube, das kann man auch anders sehen, Steve. Ich glaube, man könnte eher sagen, dass wir beide diesen reichen Nachbarn namens Xerox hatten und ich in sein Haus eingebrochen bin, weil ich seinen Fernseher klauen wollte, um dann feststellen zu müssen, dass du mir zuvorgekommen bist.“

    Nach dem Weggang von Jobs konnte auch Sculley nicht verhindern, dass Microsoft sein Windows-System ständig fortentwickelte und dabei Details der grafischen Bedienoberfläche des Macs übernahm. Apple war erpressbar, denn wichtige Anwendungsprogramme für den Mac kamen von Microsoft. Nachdem Bill Gates damit gedroht hatte, die Entwicklung von Microsoft Office für den Mac einzustellen, wenn Apple gegen Windows vorgehen werde, lizenzierte der Apple-CEO 1986 bestimmte Elemente der Mac-GUI an den Konkurrenten aus Redmond. Doch dann musste Sculley hilflos zusehen, wie die Microsoft-Truppe die Grenzen der Vereinbarung mit jeder neuen Windows-Version schamlos zu ihren Gunsten verschob.

    Michael Spindler
    Michael Spindler

    Auch eine 1988 von Apple angestrengte Klage konnte den Softwaregiganten nicht mehr stoppen. Das Gericht entschied 1992, dass Apple die grafische Bedienoberfläche oder die Idee des virtuellen Schreibtisches über das Urheberrecht nicht wie bei einem Patent schützen lassen könne. 1994 scheiterte Apple letztlich auch beim U.S. Supreme Court mit dem Versuch, Windows gerichtlich stoppen zu lassen. Sinkende Einnahmen und Schwierigkeiten in der Entwicklungsabteilung verschärften bei Apple die Krisenstimmung.

    Im Juni 1993 riss dem Apple-Verwaltungsrat der Geduldsfaden. Das Board ersetzte Sculley durch den deutschstämmigen Manager Michael Spindler, der beim Vertrieb in Europa Punkte gesammelt hatte. „The Diesel“ war ein effektiver Manager, doch ihm fehlte jegliche Inspiration. Er konnte Apple nicht aus der Krise führen. Ihm gelang es nicht einmal, das Unternehmen an Interessenten wie IBM, Sun Microsystems oder Philips zu verkaufen. Nach anderthalb Jahren wurde Spindler durch den Sanierungsexperten Gil Amelio als CEO abgelöst. Amelio musste 1996 – ein Jahr nach dem erfolgreichen Start von Windows 95 – vor allem die Frage nach dem künftigen Betriebssystem beantworten, da das Apple-interne Copland-Projekt grandios gescheitert war.

    Jean-Louis Gassée
    Jean-Louis Gassée

    Zur Auswahl standen BeOS des ehemaligen Apple-Managers Jean-Louis Gassée und Steve Jobs’ System NeXTStep. Um die Entscheidung zwischen Be und NeXT, die Steve Jobs für sich entscheiden konnte, ranken sich inzwischen unzählige Mythen, die heute nur noch schwer zu entwirren sind. Be verlor jedenfalls den Wettlauf. Apple zahlte im Februar 1997 knapp 430 Millionen Dollar für NeXT und das Know-how der Firma.

    Screenshot NeXTStep
    Screenshot NeXTStep

    Bill Gates hatte für den Richtungswechsel bei Apple nur Hohn und Spott übrig. „Glauben Sie wirklich, dass Steve Jobs etwas in der Hand hat?“, fragte Gates den noch amtierenden Apple-CEO Amelio. „Ich kenne seine Technologie, das ist nichts weiter als ein aufgewärmtes UNIX, und ihr werdet es nie schaffen, das auf euren Rechnern laufen zu lassen. (…) Wofür kaufen Sie diesen Müll?“ Gates nahm NeXTStep als Konkurrenzsystem nicht ernst. Er ahnte aber bereits, dass es nicht nur um ein neues Betriebssystem ging, sondern um einen Coup, der Steve Jobs wieder bei Apple an die Macht bringen sollte. Tatsächlich wurde Amelio fünf Monate später vom Board of Directors gefeuert und Jobs übernahm im September 1997 die Position eines „Interim-CEOs“. Apple stand damals 90 Tage vor dem Konkurs.

    Weiterlesen: Teil 8 – Der Neustart von Apple

  • John Sculley

    John Sculley auf dem Cover seiner Autobiografie 'Odyssey'
    John Sculley auf dem Cover seiner Autobiografie ‚Odyssey‘

    Die Chance, die Welt zu verändern

    Ein Satz wird John Sculley bis an sein Lebensende verfolgen: “Möchten Sie wirklich den Rest Ihres Lebens damit verbringen, Zuckerwasser zu verkaufen oder wollen Sie die Chance ergreifen, die Welt zu verändern?” („Do you want to spend the rest of your life selling sugared water or do you want a chance to change the world?“) Mit dieser Provokation versuchte Apple-Gründer Steve Jobs den erfolgreichen Pepsi-Manager Sculley im März 1983 davon zu überzeugen, seine Karriere-Laufbahn bei PepsiCo an der Ostküste zu beenden und sich auf das große Abenteuer Apple Computer einzulassen. Jobs hatte seit Wochen John Sculley zusammen mit seinem Mentor Mike Markkula bearbeitet: Sculley sollte bei Apple die Rolle des Chief Executive Officers (CEO) einnehmen und das Management leiten. Der arrogante Satz des jungen Apple-Mitbegründers vom gezuckerten Wasser muss bei dem Ost-Küsten-Mann tatsächlich einen Meinungswechsel verursacht haben. In seiner Autobiographie „Odyssey – Pepsi to Apple“ schreibt Sculley zumindest, dass ihn diese Worte noch tagelang verfolgt hätten.

    Es war, als ob jemand ausgeholt und mir einen harten Schlag in die Magengrube versetzt hätte. Da machte ich mir Sorgen, meine Karriere bei Pepsi aufzugeben, auf mein Altersruhegeld und meine Zusatzvergütungen zu verzichten, meine Loyalität gegenüber (Pepsi-CEO Donald M.) Kendall zu verletzen und fürchtete, mich nicht in Kalifornien einleben zu können – alles ganz pragmatische Überlegungen für einen Mann in den mittleren Jahren. Ich konfrontierte mich auf einmal mit der Feststellung, dass mein ganzes Leben an einem Kreuzweg angekommen war. Die Frage war unglaublich schwer zu beantworten – ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Mir fehlten die Worte.

    John Sculley

    Goldener Handschlag zum Antritt

    Die Bedenken von Sculley wurden letztlich auch durch ein üppiges Kompensationspaket aus dem Weg geräumt. Apple bot dem neuen CEO einen Jahresgehalt von einer Million Dollar – fünfzig Prozent als Grundgehalt, fünfzig Prozent als Tantieme. Dazu kam eine weitere Million Dollar als „Startgeld“ zu Beginn und eine Million als Entschädigungssumme, wenn die Zusammenarbeit nicht funktionieren sollte. Apple erklärte sich außerdem bereit, die Differenz zwischen dem Verkauf von Sculleys Haus an der Ostküste und dem Kauf eines vergleichbaren Hauses in Kalifornien zu tragen, „was das Unternehmen am Ende noch eine Million Dollar kosten sollte“, wie Sculley in seinem Buch vorrechnet. Dazu kamen noch Optionen auf 350.000 Apple-Aktien. Mit diesem goldenen Begrüßungs-Handschlag trat Sculley im Mai 1983 bei Apple an.

    Apple II
    Apple II

    Apple war zu diesem Zeitpunkt dem Stadium eines Garagen-Startups längst entwachsen. Apple-Mitbegründer Steve Wozniak hatte 1977 den legendären Apple II entwickelt, von dem im ersten Jahr nur 600 Exemplare abgesetzt wurden. Doch spätestens mit der Premiere der Tabellenkalkulation VisiCalc (1979) entwickelte sich der Apple II zu einem Bestseller in der damals noch sehr kleinen und jungen PC-Branche.

    1981 verkaufte Apple 210.000 Geräte und verdrängte Konkurrenzprodukte wie den Commodore PET oder den TRS-80 von Radio-Shack auf die hinteren Plätze. Als John Sculley 1983 bei Apple anfing, hing das Unternehmen noch immer an den Umsätzen, die der Apple II in die Kasse spülte, obwohl das Gerät technologisch nicht mehr taufrisch war. Es wurden höchste Zeit, dem One-Trick-Pony Apple einen weiteren Trick beizubringen, zumal immer häufiger der 1981 auf den Markt gebrachte IBM-PC Apple die Show stahl.

    Marktanteile der 8-Bit-Computer (1980-1984)
    Marktanteile der 8-Bit-Computer (1980-1984)

    Apple tat sich aber schwer damit, einen erfolgreichen Nachfolger des Apple II am Markt zu etablieren. Im Mai 1980 wurde der Apple III vorgestellt, der sich jedoch aus mehreren Gründen zum teuren Flop entwickelte. Dazu gehörten der hohe Preis und die in der Praxis unvollständige Kompatibilität zum beliebten Apple II und dessen bereits recht großer Softwarebibliothek. Außerdem plagten den Apple III waren technische Probleme, wie etwa häufige Abstürze durch Überhitzung und die Tendenz der Chips, aus ihren (billigen) Sockeln zu rutschen.

    Die schwierige Suche nach einem Apple-II-Nachfolger

    Nicht viel mehr kommerziellen Erfolg hatte das Unternehmen mit dem Apple Lisa, die vier Monate vor dem Amtsantritt von Sculley der Öffentlichkeit vorgestellt worden war. Technologisch markierte „The Lisa“ einen Meilenstein: Der Rechner verfügte über eine Maus sowie über ein Betriebssystem mit grafischer Benutzeroberfläche, in der die Apple-Ingenieure Grundkonzepte aus dem legendären Forschungszentrum Xerox PARC in ein brauchbares Produkt umgesetzt hatten. Doch mit einem Preis von rund 10.000 US-Dollar verkaufte sich der Rechner äußerst schlecht.

    Somit ruhten alle Hoffnungen auf dem Apple Macintosh. Das Macintosh-Projekt war 1979 vom damaligen Apple-Boss Michael Scott („Scotty“) und Apple-Chairman Mike Markkula bei Jef Raskin in Auftrag gegeben worden, der ursprünglich einen Volkscomputer für 500 bis 1.000 Dollar – noch ohne eine grafische Bedieneroberfläche (GUI) – geplant hatte. Raskin verlor das Projekt aber 1981 an Steve Jobs, dem zuvor die Zuständigkeit für das kränkelnde Lisa-Projekt entzogen worden war.

    Nach dem legendären Besuch von Steve Jobs und seinen Mitarbeitern im Forschungszentrum Xerox PARC war allen Projektbeteiligten klar, dass der Mac wie der Alto von Xerox eine Maus und eine GUI haben musste – nur viel besser als bei den „reichen Nachbarn“ von Xerox. Auch an dieser Stelle sei betont, dass die Apple-Crew nicht einfach das Know-how der Forscher im Xerox PARC ausgeplündert hat. Vielmehr beruhte der Wissenstransfer auf einer Vereinbarung zwischen den beiden Unternehmen, für die Xerox mit Apple-Aktien noch vor dem Börsengang reichlich belohnt wurde.

    Mit den zusätzlichen Anforderungen, die Steve Jobs nun an den Mac stellte, rückte das Preisziel von 1.000 Dollar in weite Ferne. So entschied der Apple-Gründer im Mac die ersten 3,5-Zoll-Diskettenlaufwerke von Sony zu verbauen, was den Preis um 50 Dollar erhöhte. Schließlich landete das Mac-Team bei einer Preismarke von knapp 2.000 Dollar. Die Preisfindung für den Mac führte zum ersten fundamentalen Konflikt zwischen John Sculley und Steve Jobs. Der neue Apple-CEO bestand darauf, den Mac für 2.495 Dollar auf den Markt zu bringen – Jobs wollte mit 1.995 Dollar unter der 2.000-Dollar-Marke bleiben. Das Macintosh-Team fühlte sich vor den Kopf gestoßen, wie man im Bericht von Andy Hertzfeld eindrucksvoll nachlesen kann. Die Entwickler sahen keinen Sinn darin, den Mac für ein großes Marketing-Budget zu teuer zu machen. Sie hätten den Mac für Leute wie sie selbst entwickelt und der von Sculley geforderte Preis sei ein Verrat an ihren Grundsätzen. Im ersten Machtkampf zwischen Sculley und Jobs setzte sich der neue CEO gegen den Apple-Gründer durch.

    Mit einem legendären TV-Spot wurde der Apple Macintosh vorgestellt
    Mit einem legendären TV-Spot wurde der Apple Macintosh vorgestellt

    Bis zur grandiosen Premiere des Apple Macintosh im Januar 1984 mit dem berühmtesten Werbespot aller Zeiten (“1984?) gelang es den beiden jedoch, die internen Konflikte nicht nach außen dringen zu lassen. Steve Jobs und John Sculley wurden in den Medien weiterhin als das „Dynamic Duo“ des Silicon Valleys gefeiert – obwohl das Verhältnis zwischen ihnen durch den Konflikt um den Macintosh-Preis einen tiefen Riss erlitten hatte.

    Der erste Riss zwischen Sculley und Jobs

    Als ‘Apple's Dynamic Duo‘ gefeiert: Steve Jobs und John Sculley auf dem Cover der BusinessWeek
    Als ‘Apple’s Dynamic Duo‘ gefeiert: Steve Jobs und John Sculley auf dem Cover der BusinessWeek

    In den Berichten über Apple im Frühjahr 1984 kann man davon aber nichts lesen: Steve Jobs war das Wunderkind mit einem untrüglichen Gespür für innovative Technologien. John Sculley nahm die Rolle des großen Marketing-Gurus ein, der hart daran arbeitete, seinen überragenden Erfolg der „Pepsi Challenge“ im Kampf gegen den Branchenprimus Coca-Cola auf die IT-Industrie zu übertragen.

    Zu einer leichten Entspannung zwischen Jobs und Sculley trug die Tatsache bei, dass sich der Apple Macintosh in den ersten Wochen blendend verkaufte. Doch nachdem sich der Rummel um die Macintosh-Premiere gelegt hatte, sackten die Verkaufszahlen schnell ein.

    Für Steve Jobs stand im Herbst 1984 der Schuldige fest: John Sculley und sein Drängen nach einer hohen Marge, die den Mac aber letztlich bei einem großen Publikum unverkäuflich machen. Noch 25 Jahre nach der Markteinführung des Macintosh kochte der Apple-Gründer vor Wut: „Es war der Hauptgrund, warum der Macintosh-Verkauf nachließ und Microsoft den Markt erobern konnte“, sagte Jobs.

    Sculley nannte in einem Interview mit Robert X. Cringley in der TV-Doku „Triumph of the Nerds“ 1994 für den anfänglichen Misserfolg des Macs aber ganz andere Gründe – Probleme, die Steve Jobs laut Sculley einfach nicht wahrnehmen wollte:

    (Der Mac) konnte nicht sehr viel. Wir hatten Mac Paint und Mac Write. Das waren unsere einzigen Anwendungen. Und der Markt bekam das mit. Und Ende des Jahres (1984) sagte viele: „Nun, der IBM-PC ist vielleicht nicht so einfach zu bedienen und nicht so attraktiv wie der Macintosh. Aber er macht letztlich, was wir ihn erledigen lassen wollen: Tabellenkalkulation, Textverarbeitung und Datenbanken.“ Vor diesem Hintergrund sanken Ende 1984 die Absatzzahlen des Macs und er wurde im folgenden Jahr zum Problem.

    Im Dezember 1984 erwirtschafte das Unternehmen mit dem in die Jahre gekommenen Apple II rund 70 Prozent der Umsätze, obwohl der Mac längst die Rolle der „Cash Cow“ hätte übernehmen sollen. Ein TV-Beitrag der PBS-Magazin-Sendung „MacNeil-Lehrer NewsHour“ vom 5. April 1985 beweist, dass Apple diese Probleme im Frühjahr 1985 auch nicht mehr unterm Deckel halten konnte.

    PBS-Korrespondentin Elizabeth Brackett arbeitete in dem Beitrag klar heraus, dass der Mac eigentlich der bessere und begehrenswertere Computer war, mit dem allerdings gewöhnliche Geschäftsleute damals allerdings noch wenig anfangen konnten. Die PBS-Journalistin konnte damals noch nicht ahnen, wie heftig hinter den Kulissen der Machtkampf zwischen Steve Jobs mit John Sculley tobte: Mit Unterstützung von Apple-Investor Mike Markkula und dem Apple Board entzog Sculley dem Apple-Mitbegründer Jobs Ende März 1985 die Leitung der Macintosh-Gruppe.

    Der Showdown

    In die Ecke gedrängt unternahm Jobs im Mai 1985 noch einmal den Versuch, das Board of Directors umzustimmen und Sculley zu entlassen. Zusammen mit einigen Getreuen aus dem Mac-Team wollte Jobs seinen Ziehvater Markkula von einem Umstrukturierungsplan überzeugen. Mit diesem Plan hätte Apple Jobs die Führungs-Verantwortung übertragen oder ihm zumindest die operative Leitung des Produktbereichs gelassen. Doch Markkula zeigte sich wenig beeindruckt: “Ich sagte, ich würde seinen Plan nicht unterstützen und damit basta”, erinnert sich Markkula laut Isaacson. “Sculley war der Boss. Sie waren wütend und furchtbar emotional und probten den Aufstand. Aber so läuft das eben nicht.”

    Jobs konnte nicht fassen, was mit der von ihm gegründeten Firma geschah. Von seiner anfänglichen Begeisterung für Sculley war nichts übrig geblieben. Er hielt den Ostküstenmann inzwischen für einen Volltrottel, der nur auf seinen persönlichen Profit bedacht sei. Seinem Biografen Isaacson sagte Jobs:

    Das Board hielt mich für nicht fähig, ein Unternehmen zu leiten und deshalb traf es diese Entscheidung. Aber sie begingen einen Fehler. Sie hätten gesondert darüber entscheiden sollen, was sie mit mir machen und was sie mit Sculley machen. Sie hätten Sculley feuern sollen, auch wenn sie meinten, ich sei noch nicht so weit, Apple zu leiten.

    Steve Jobs

    Am 17. September 1985 zog Steve Jobs die Konsequenz und trat von allen Ämtern bei Apple zurück und verließ mit einigen Anhängern das Unternehmen. Mit den Erlösen aus dem Verkauf seiner Apple-Aktien gründete er ein neues Unternehmen (NeXT). Außerdem kaufte er George Lucas, der sich damals in einem kostspieligen Scheidungskrieg befand, seine Trickfilm-Abteilung ab, aus der dann Pixar wurde.

    Steve Jobs verlässt Apple

    Sculley rechtfertigte sein damaliges Verhalten in der Auseinandersetzung mit Steve Jobs in einem Interview mit der BBC (Januar 2012):

    Ich denke, Steve und ich hatten eine tolle Beziehung, wenn alles gut lief. Er interessierte sich wirklich für Consumer Marketing, weil er davon überzeugt war, dass es bei der Zukunft der Personal-Computing-Branche darum ging, wie man Computer vermarktet – genau so wie bei Consumer-Produkten großer Marken wie Pepsi und Coke.

    Ich wurde zu Apple geholt, nicht weil ich etwas über Computer wusste – wie man sie baut -, sondern weil das Unternehmen den Apple II kommerziell am Leben halten musste. Der Apple II stand am Ende seines Lebenszyklus‘. Er musste für weitere drei Jahre genügend Cash generieren, so dass Steve den Macintosh bauen und erfolgreich starten konnte. Während dieser Zeit sind Steve und ich sehr gut miteinander klar gekommen.

    Als der Macintosh Office im Jahr 1985 eingeführt wurde und scheiterte, war Steve todtraurig. Er war deprimiert, und er und ich hatten eine große Meinungsverschiedenheit, als er den Preis des Macintosh niedriger festlegen wollte. Ich wollte mich auf den Apple II konzentrieren, weil wir eine Aktiengesellschaft waren.

    Wir mussten die Gewinne des Apple II haben und konnten es uns nicht leisten, den Preis des Macintosh zu senken, weil wir die Gewinne vom Apple II benötigten, um gute Zahlen vorzulegen und uns nicht nur mit den Problemen des Macs zu beschäftigen. Das führte letztlich zu den Meinungsverschiedenheiten und dem Showdown zwischen mir und Steve. Als die Board-Mitglieder sich schließlich mit der Frage beschäftigten, beschlossen sie, dass meine Position diejenige war, die sie unterstützen wollten.

    Entgegen den düsteren Prognosen von Steve Jobs liefen die Geschäfte bei Apple nach seinem Weggang 1986/87 aber wieder besser. Vielleicht hatte John Sculley in dieser Phase auch einfach nur Glück. 1985 fehlten dem Mac noch die Anwendungen, die im IBM-Werbespot für den PC die Charlie-Chaplin-Figur Karton für Karton durchs Bild schleppte. Daher bemühten sich Guy Kawasaki und andere “Software Evangelists” von Apple die Entwickler in anderen Softwarefirmen davon zu überzeugen, Programme für den Mac zu schreiben. Das mit 128 Kilobyte viel zu enge bemessene ROM des Mac machte diese Aufgabe nicht einfach. Ein Jahr nach dem ersten Macintosh der “Fat Mac” mit 512 Kilobyte raus kam, war der enge Flaschenhals jedoch beseitigt.

    Moores Gesetz hilft Sculley aus der Patsche

    Selbst Sculley räumt ein, dass ihm eine allgemeine Entwicklung zugute gekommen ist und er nicht viel unternehmen musste, um das Macintosh-Geschäft anzukurbeln:

    Ironischerweise sorgte Moores Gesetz dafür. Es ging also nicht um die Frage, ob Steve oder ich recht hatte. Computer waren 1985 einfach noch nicht stark genug für anspruchsvolle Grafik-Leistungen, die man benötigte, um Laserdrucker anzusteuern. Und ironischerweise dauerte es nur 18 Monate, bis die Computer leistungsfähig genug waren, dass wir die Mac Office in Desktop Publishing umbenennen konnte. Es wurde sehr erfolgreich.

    Es war nicht meine Idee, es war alles der Kram von Steve, aber er war nur eineinhalb Jahre zu früh.

    John Sculley

    Zum Erfolg im zweiten Anlauf trug auch der glückliche Umstand bei, dass sich rund um den Mac die Grundlagen für das Desktop Publishing (DTP) entwickelten, mit dem Gutenbergs Erfindung (Satz und Druck) zum ersten Mal seit über 500 Jahren tiefgreifend revolutioniert wurde.

    Aldus PageMaker
    Aldus PageMaker (1087)

    Das Software-Unternehmen Aldus brachte im Juli 1985 das Programm PageMaker auf den Markt. In Verbindung mit der Seiten-Beschreibungssprache PostScript von Adobe konnten Broschüren, Magazine, Bücher oder Kataloge am Bildschirm entworfen und auf einem Laserdrucker wie dem Apple LaserWriter oder mit Hilfe eines PostScript-fähigen Belichters von Linotype gedruckt werden. DTP war die „Killer-Anwendung“, die der Macintosh so dringend benötigte.

    1987 verkaufte Apple eine Millionen Macs und spielte plötzlich wieder in der IBM-Klasse mit, obwohl die Marktanteile der Konkurrenz nie wieder erreicht wurden. Über die Hälfte der gut 2.000 Dollar, die der Mac damals kostete, landeten als Gewinn bei Apple. Sculley und seine Kollegen im Apple-Vorstand glaubten, dass die User immer und ewig bereit seien, für bessere Technik auch viel mehr Geld zu zahlen.

    Technologisch konnte Apple noch in dieser Phase der Sculley-Ära von der Substanz zehren, die beim Weggang von Jobs im Unternehmen vorhanden war. Der französische Ingenieur Jean Louis Gassée, der von Jobs die Führung der Macintosh-Abteilung übernommen hatte, führte mit dem Mac Plus den ersten Macintosh ein, der wirklich erweiterbar war. Als Arbeitstier in den Grafikabteilungen und Redaktionen bewährte sich auch der Macintosh II, in dem der schnellere 68020-Chip von Motorola steckte und der deutlich mehr Speicher als der 68000 ansteuern konnte. Dicke Profite strich Apple auch mit dem aufgebohrten Würfelcomputer Macintosh SE ein, der immerhin 3.700 Dollar kostete (1.000 Dollar mehr als der Mac Plus).

    Holprig verlief in der Ära Sculley der Einstieg von Apple ins Mobile Computing. Der erste Apple-Laptop, der Macintosh Portable, erreichte zwar mit seinen Bleisäure-Akkus (ohne Memory-Effekt) eine auch für heutige Verhältnisse beachtliche Laufzeit von bis zu 10 Stunden. Doch der Name „Portable“ passte nicht so richtig, denn das Gerät war 7,2 Kilogramm schwer. Mit einem Preis von 6.500 Dollar blieb der Macintosh Portable wie Blei in den Regalen liegen. Erst mit dem PowerBook (1991) gelang Apple ein Absatzerfolg im Notebook-Markt.

    In den späten achtziger Jahren lag der Marktanteil von Apple noch bei 16 Prozent. Das war zwar weit von den Verhältnissen Ende der siebziger Jahre entfernt. Doch da damals die Rendite stimmte, waren die Aktionäre und der Verwaltungsrat von Apple mit Sculleys Arbeit zufrieden. Nach Ansicht von Steve Jobs wurden in dieser Phase aber entscheidende Fehler begangen, für die letztlich Sculley verantwortlich gewesen sei: „Sculley machte Apple kaputt, indem er schlechte Leute einstellte und auf falsche Werte setzte“, klagte er später. „Sie wollten Geld machen – hauptsächlich für sich selbst und auch für Apple -, statt tolle Produkte herzustellen.“

    Das Streben nach Profit zulasten ging nach Jobs‘ Einschätzung zulasten eines wachsenden Marktanteils. „Macintosh verlor gegenüber Microsoft an Boden, weil Sculley sich nicht davon abbringen ließ, so viel Gewinn abzuschöpfen, wie er nur konnte, statt das Produkt zu verbessern und bezahlbar zu machen.“

    John Sculley: Technischer Volltrottel oder genialer Jung-Erfinder?

    Selbst wenn man die Ära Sculley bei Apple kritisch sieht: Das harsche Urteil von Steve Jobs war natürlich durch den Quasi-Hinauswurf 1985 überschattet und zeichnet kein differenziertes Bild von Sculley. Ob Sculley damals tatsächlich wirklich nur der ahnungslose Technik-Laie war oder ob er doch über technisches Gespür verfügte oder gar in der Lage war, Visionen zu entwerfen, kann man rückblickend nur schwer einschätzen. In seiner 1987 erschienen Autobiografie „Odyssey“ behauptet Sculley fast beiläufig, er habe als Kind nicht nur Radiogeräte zerlegt und elektrische Türöffner konstruiert, sondern Bahnbrechendes geleistet:

    1954, als ich vierzehn Jahre als war, führte meine Elektronikbegeisterung dazu, dass ich eine Farbfernsehröhre erfand. Mein Vater half mir, einen Patentanwalt zu finden, aber Dr. Lawrence von den Lawrence-Livermore-Laboratorien, der Erfinder des Zyklotron-Teilchenbeschleunigers, war einige Wochen schneller gewesen als ich. Sein Patent, das später Sony erwarb, legte die Grundlage für Sonys erfolgreiche „Triniton“-Farbfernsehröhre.

    John Sculley
    Patent von Ernest O. Lawrence für das Konzept die Chromatron-Farbbildröhre (1951/54)
    Patent von Ernest O. Lawrence für das Konzept die Chromatron-Farbbildröhre (1951/54)

    Schaut man in die Technik-Geschichtsbücher, kann man lesen, dass Ernest O. Lawrence bereits 1951 das Konzept die Chromatron-Farbbildröhre entwickelt hatte. Das U.S. Patent 2,692,532 „Cathode Ray Focusing Apparatus“ wurde von Lawrence am 4. April 1951 eingereicht und am 26. Oktober 1954. Selbst wenn Sculley tatsächlich schon als Schüler eine geniale Idee gehabt haben sollte – seine Schilderung der Details kann nicht als glaubwürdig angesehen werden.

    Sculley betont aber immer wieder selbst, dass Mike Markkula und Steve Jobs ihn nicht wegen seiner technologischen Visionen zu Apple geholt haben. In einem Interview mit dem „Playboy“ im September 1987 sagte er: „Zwischen ‚High Fizz‘ (Fizz=Brause) und ‚High-Tech‘ ist es ein weiter Weg.“ Er habe seine Ausbildung zunächst nicht einmal auf wirtschaftliche Themen ausgerichtet. „Ich fing als Architektur-Student an und habe dann in einem Sommer das Thema ‚Marketing‘ entdeckt, als ich in der Industrie-Design-Firma arbeitete.“ Sculley schloss dann an der Wharton School der Business School der University of Pennsylvania, mit einem MBA ab. In seiner Zeit bei Procter & Gamble habe er zu der Zeit an der Verpackung der Zahnpasta Crest gearbeitet, als das Unternehmen die Erlaubnis bekam, das Gütesiegel der American Dental Association zu verwenden. „Wir haben ihre Worte direkt auf die Tube gedruckt.“

    Bei Pepsi stieg Sculley 1970 zum Vize-Präsidenten auf und beschäftigte sich mit Themen wie der Gestaltung der Pepsi-Flaschen und der Einführung von Verpackungen, in denen 12 oder 24 Pepsi-Dosen Platz fanden. Nach Einsätzen im Ausland wurde Sculley 1977 zum Pepsi-Präsidenten befördert. Sein größter Erfolg war dann die Einführung der „Pepsi-Challenge“, eine Werbekampagne, der der in Straßenumfragen Passanten aufgefordert wurden, bei einer Blind-Verkostung zu sagen, welche Cola am besten schmeckt – und bei der natürlich Pepsi die Nase vorn hatte.

    Seinen ersten Personal Computer – eine Apple II – hat sich Sculley nach eigenen Angaben 1980 gekauft. „Ich kann mich daran erinnern, den Computer geöffnet und ins Innere geschaut zu haben. Ich sagte: ‚Da ist ja nichts drin‘. Ich konnte es einfach nicht glauben.“ In dem von Steve Wozniak entworfenen Apple II gab es aber keine Röhren mehr, die Sculley als Radio-Bastler wohl erwartet hatte.

    Zwei Jahre später wurde Sculley von einem Headhunter kontaktiert, der im Auftrag von Apple nach einem CEO für das kalifornische Start-Unternehmen suchte. Der Rest der Geschichte ist bereits erzählt: Mit der Vision, die Welt zu verändern, lockte Steve Jobs den Pepsi-Manager 1983 nach Cupertino. Zwei Jahre später trennte sich das „Dynamic Duo“ einem lauten Knall.

    Der Durchmarsch der Sculley-Gang

    Nach dem Weggang von Jobs ersetzte Sculley im Apple-Management systematisch Experten mit einem technischen Hintergrund durch Marketing-Leute. So stieg 1987 Allan Z. Loren, der von einem Versicherungsunternehmen zu Apple gekommen war, zum Leiter der Computer-System-Abteilung auf. In diesem Jahr sagte Sculley in dem Playboy-Interview auch voraus, dass in einem Zeitraum von 20 Jahren die Sowjetunion eine bemannte Mission zum Mars erfolgreich abschließen können und der Wert der börsennotierten  Unternehmen in Japan höher sei als in den USA.

    Sculley wollte nicht nur als Marketing-Mann in die Chroniken der Technologie-Geschichte eingehen, sondern als ein Visionär des 21. Jahrhunderts. Der Apple-CEO beauftragte damals den späteren Netscape-Designer Hugh Dubberly und die Künstlerin Doris Mitsch mit der aufwändigen Produktion des Videos „Knowledge Navigator“, in dem die Vision eines vernetzten Tablet-Computers, visualisiert wird, der Persönlicher Digitaler Assistent, Kommunikationszentrale und vernetzte Wissensmaschine in einem ist. Das Team, zu dem auch Mike Liebhold, Michael Markman und Mitarbeiter der Kenwood Group, einer externen Produktionsfirma gehörten, wurde von Bud Colligan geleitet, der bei Apple für das Marketing im Bereich „Higher Education“ zuständig war. Das Video wurde im Oktober 1987 erstmals öffentlich ausgeführt. In dem Film spielt im im Jahr 2009. Der „Knowledge Navigator“ dient einem Berkeley-Professor als „Persönlich Digitaler Assistent“ bei seiner Arbeit.

    Parallel zur Videoproduktion beschrieb Sculley in seiner Autobiografie die Vision eines „Macintosh der Zukunft“. Der „Knowledge Navigator“ könnte eine „wunderbare Phantasiemaschine“ sein, „ein Entdecker neuer Welten, ein ebenso wunderbares Werkzeug wie die Druckerpresse“.

    Der einzelne könnte es einsetzen, um durch Bibliotheken, Museen, Datenbanken und Regierungsdokumente zu „fahren“. Dieses Werkzeug würde das Individuum nicht nur an die Schwelle dieser großen Reichtümer geleiten, wie das heute hochentwickelte Computer können, es würde ihn tief in die Geheimnisse hineinziehen, indem es die Informationen interpretiert und so in Wissen verwandelt.

    John Sculley

    Die Vision des Knowledge Navigators

    Sculley wurde der Entwicklung des Konzeptes vom „Knowledge Navigator“ maßgeblich vom Apple Fellow Alan Kay beeinflusst.

    Dynabook-Konzept von Alan Kay (August 1972)
    Dynabook-Konzept von Alan Kay (August 1972)

    Der Informatiker gilt als Pionier des objektorientierten Programmierens, das er an der University of Utah in den späten 60er Jahren im Rahmen eines APRA-Projektes konzipierte. Am Forschungszentrum Xerox PARC entwickelte Kay zusammen mit Dan Ingalls, Adele Goldberg und anderen in den siebziger Jahren die objektorientierte Programmiersprache Entwicklungsumgebung Smalltalk. Am Xerox PARC entwarf Kay außerdem das konzeptionelle Computer-System Dynabook, das letztlich den modernen Tablet-Computern wie dem iPad ähnelt.

    Kay trat 1986 an Sculley heran und forderte größere Forschungsanstrengungen bei Apple ein, weil es keine Institution gebe, von der Apple Konzepte für einen Personal Computer der nächsten Generation übernehmen könne: „Beim nächsten Mal werden wir kein Xerox haben.“ Jede innovative Technologie – egal wie einfach oder komplex – benötige 15 bis 20 Jahre, um sich von einem Konzept zu einer kommerziellen Anwendung zu entwickeln. Daher wurde es Zeit, für die Forschungs- und Entwicklungsarbeit bei Apple ein Konzept in den Raum zu stellen.

    Die Quintessenz der jahrelangen Untersuchung von Alan wurde im Jahre 1987 in einem Konzept umgesetzt, das wir als Knowledge Navigator bezeichneten. Moore’s Law hatte ja schon vorausgesagt, dass die (ständig wachsende) Rechenleistung in den kommenden zwanzig Jahren in der Lage wäre, dreidimensionale Geometrien in Echtzeit zu manipulieren. Der Knowledge Navigator sagte eine Welt der interaktiven Multimedia-Kommunikation voraus, in der Rechenleistung als gewöhnlicher Gebrauchsgegenstand allgenwärtig ist. Auf Wissens-Anwendungen werde dann durch intelligente Agenten zugegriffen, die über Netzwerke mit riesigen Mengen an digitalisierten Informationen verbunden sind.

    Dem Knowledge Navigator sollten eine Reihe neuartiger Schlüsseltechnologien zugrunde liegen:

    1. Fortschrittliche Kommunikationstechnologie, die weltweit Rechner und Datenbanken miteinander verbindet und den Anwendern breitere Informationspfade zur Verfügung stellt.
    2. Echtzeit-Animationen in 3D, die es erlauben, komplexe Modelle zu visualisieren.
    3. Verbesserte Datenbank-Technologien als Schlüssel zu umfassenden Informationssystemen.
    4. Hypermedia, die Verbindung von Text, Grafiken, Ton und bewegten Bildern, die den zukünftigen Computer-Anwendern intuitiv den Weg durch riesige Informationssammlungen weist.
    5. Spracheingabe, da die Tastatur als Eingabeinstrument nicht flexibel genug ist
    6. Maschinelle Übersetzung von fremdsprachigen Quellen in die Muttersprache des Anwenders.
    7. Künstliche Intelligenz als Schlüsseltechnologie. Die künstliche Intelligenz erlaubt die Verwendung von Agenten, die sowohl persönliche Vorlieben der Anwender erkennen als auch Strategien vorschlagen und damit zur Steigerung der Produktivität beitragen.

    Das Video „Knowledge Navigator“ wurde für einen Auftritt von John Sculley auf Educom im Oktober 1987 produziert, der wichtigsten Hochschul-Konferenz für wissenschaftliche Datenverarbeitung. „John Sculley sollte der Hauptredner auf der Educom sein. Für uns stand einiges auf dem Spiel, um dort eine ‚Vision‘ von Apple zu zeigen“, erinnert sich Bud Colligan. Nach seiner Erinnerung wurde das Video im Spätsommer 1987 innerhalb von nur sechs Wochen entworfen und produziert. „Wenn wenig Zeit zu Verfügung steht, bringt das manchmal tatsächlich ein Projekt auf den Punkt, hält das Skript straff und kappt die Länge.“

    Hier ist ein weiteres Video, das aus dem gleichen Projekt entstand. Darin diskutieren Alan Kay, Steve Wozniak, Diane Ravitch (Director, Encyclopaedia Britannica) und andere die Auswirkungen des „Knowledge Navigator“-Konzeptes auf Bereiche wie Lernen, Computing und die Geschäftswelt.

    Der Knowledge Navigator sollte aber nicht nur ein abstraktes Konzept bleiben, sondern sich auch in einem konkreten Produkt – einem Personal Digital Assistant (PDA) niederschlagen. Dabei hatte Apple-Chef John Sculley nicht die Geduld, „15 bis 20 Jahre“ zu warten, bis sich aus einem abstrakten Konzept ein funktionierendes Produkt entwickelt, wie Apple-Fellow Alan Kay postuliert hatte.

    Vom Knowledge Navigator zum Apple Newton

    Bei der Suche nach einem talentierten Ingenieur und Manager, der das PDA-Projekt vorantreiben sollte, wurde Sculley in der Entwicklung-Abteilung von Apple auf Steve Sakoman aufmerksam. Der ehemalige HP-Angestellte war noch von Steve Jobs 1984 bei Apple eingestellt worden, um an einer Laptop-Version des Macintosh mitzuentwickeln. Nachdem Jobs das Unternehmen verlassen hatte, waren auch die Laptop-Pläne auf Eis gelegt worden. Sakoman arbeitete stattdessen in führender Position an der Entwicklung des Mac Plus, Mac SE und Mac II mit. Mit seiner Aufgabe war Sakoman aber nicht zufrieden. Immer wieder versuchte er die Apple-Spitze davon zu überzeugen, einen mobilen Rechner mit Handschriften-Erkennung zu entwickeln. Um seinen Traum zu verwirklichen, stand er kurz davor, Apple zusammen mit Jean Louis Gassée zu verlassen, um ein eigenen Unternehmen zu gründen. Als Investor stand schon der Gründer von Lotus, Mitch Kapor, bereit. Doch dazu kam es nicht – vermutlich auch, weil Apple die Abtrünnigen verklagt hätten. Um Sokoman bei Laune zu halten, schlug Gassée ein „skunk works project“, also ein kleines, geheimes Unternehmensprojekt, vor. Sokoman griff die Idee begeistert auf und nannte das Projekt Newton nach dem legendären Naturforscher Sir Isaac Newton, der auch auf dem ersten Apple-Logo zu sehen war. Zusammen mit einem Tam von Ingenieuren, zu denen auch der Entwickler des Finder, Steve Capps, gehörte, zog sich Sakoman in ein Bürogebäude in der Bubb Road in Cipertino zurück, in dem einst Steve Jobs die Entwickler-Truppe des ersten Apple Macintosh bis zur Erschöpfung angetrieben hatte.

    Es sollte dem Newton-Team nicht gelingen, in den kommenden drei Jahren einen funktionierenden Prototypen des Apple Newton zu entwickeln, obwohl Gassée dafür sorgte, dass das Projekt genügend Mittel zur Verfügung hatte. Insbesondere die angestrebte Handschriftenerkennung bereitete große Probleme. Als der deutsche Apple-Manager Michael Spindler 1990 die Position des Geschäftsführers (COO) hinter John Sculley übernahm, versiegte der Finanzstrom. Gassée und Sakoman verließen Apple, um Be Inc. zu gründen – hinterließen aber immerhin halbwegs brauchbare Spezifikationen und Preiskalkulationen. Apple-Manager Larry Tesler, der 1980 vom Forschungsinstitut Xerox PARC zu Apple gekommen war, musste nun beurteilen, ob nun der Newton zu Ende entwickelt und auf den Markt gebracht werden soll oder ob das Apple-interne Konkurrenzprojekt „Pocket Crystal“ zum Zuge kommen sollte, an dem Apple-Legenden wie Andy Hertzfeld, Marc Porat und Bill Atkinson gearbeitet hatten. Tesler entschied sich für das Newton-Konzept.

    Die drei Freunde Atkinson, Porat und Hertzfeld gründeten im Mai 1990 die Firma General Magic und entwickelten auf der Basis von „Pocket Crystal“ das Mobil-OS Magic Cap und ein Konzept von virtuellen Agenten, die auf der Basis der Programmiersprache Telescript durch das Netz streifen und Inhalte recherchieren oder Aufgaben erledigen. Das Unternehmen ging im Februar 1995 an die Börse – konnte allerdings nie wirklich erfolgreiche Produkte am Markt platzieren. Das geistige Eigentum der Firma landete 1998 vor allem bei Microsoft. Am 17. September 2002 stellte General Magic den Betrieb ein. Viele Patente des gescheiterten Unternehmens wurden von Microsoft-Mitbegründer Paul Allen ersteigert.

    Zurück zu den Aktivitäten bei Apple im Jahr 1990: Nach der Vorauswahl von Tesler setzte Apple-Chef Sculley dem Newton-Team eine Frist, um den Status eines Forschungsprojektes zu beenden. Am 2. April 1992 sollte der Apple Newton für 1.500 Dollar auf den Markt kommen, lautete die Ansage von Sculley. Diese Vorgaben führten auch dazu, dass ein von Tesler favorisiertes größeres (und teueres) Newton-Modell („Senior“) verworfen.

    Prototyp des Apple Newton
    Prototyp des Apple Newton

    Den von Sculley gesetzten Zeitrahmen konnte das Newton-Team natürlich nicht einhalten. Immerhin wagte sich der Apple-CEO Im Mai 1992 mit einem kaum funktionierenden Prototyp des Gerätes auf auf die Consumer Electronics Show in Chicago, der von der Presse euphorisch begrüßt wurde.

    Gut ein Jahr später, am 3. August 1993 war es dann soweit: Apple stellte auf der MacWorld Expo in Boston das Apple Newton MessagePad Das erste MessagePad der Baureihe basierte auf einem mit 20 MHz getakteten ARM-Prozessor 610 und hatte 4 MByte ROM und 640 KByte RAM-Speicher sowie einen monochromen Touch-LCD mit 336 × 240 Pixeln. Das originale MessagePad wurde in deutscher oder englischer Version ausgeliefert und kam im Dezember 1993 auch in Deutschland auf den Markt.

    Ein Schwachpunkt der ersten Newton-Modelle war die vom russischen Unternehmen ParaGraph entwickelte Handschriftenerkennung CalliGrapher.

    Pech für Apple und den Newton, dass der Calligrapher in der ersten Version unzureichend funktionierte und sich die Schreibfehler zum Newton-Image verdichteten. Von diesem Image kam der Stiftrechner auch dann nicht los, als die Schrifterkennung und die Erwartungen der Nutzer kompatibel wurden. Ab der Newton-Systemversion 2.0 war die von Apple entwickelte Rosetta-Engine an Bord, die Einzelbuchstaben erkennen konnte — Calligrapher dagegen konnte nur Schreibschrift; da die deutsche Schreibausbildung weniger standardisiert ist als die amerikanische, wurde dadurch die Schrifterkennen zusätzlich erschwert. Zudem setzen Calligrapher und Rosetta auf ein Wörterbuch auf: Was nicht drin ist, wird nicht (oder nur schlecht) erkannt.

    (Detlef Borchers: Apples Newton: Der Schwerkraft getrotzt, doch der Zeit voraus)

    Das Newton-Desaster

    Für Apple-Chef Sculley und sein „Baby“ Newton drehte sich der Wind, als sich Leute wie der Cartoonist Garry Trudeau über die offensichtliche Schwachstelle des Apple-PDA mokierten. Der Doonesbury-Comic wirkte sich für das Image des Newton verheerend aus, obwohl Garry Trudeau sich eigentlich mehr über die Geeks lustig machen wollte, die Gadgets wie den Newton für unverzichtbar halten, als über das Gerät selbst.

    Garry Trudeau macht sich im Doonesbury-Comic über den Apple Newton lustig
    Garry Trudeau macht sich im Doonesbury-Comic über den Apple Newton lustig

    Noch bevor das Newton-Desaster  offenbar wurde, neigten sich die Tage von John Sculley bei Apple ihrem Ende entgegen. In der Welt der Personal Computer bauten IBM, Microsoft und PC-Hersteller wie Compaq ihren Vorsprung am Markt gegenüber dem Mac immer weiter aus. Und Wunder-Projekte wie der Newton oder die Spielekonsole Pipin zündeten nicht. Eine von Sculley ausgehandelte Vereinbarung mit Microsoft sorgte zwar dafür, dass der Softwaregigant weiterhin sein Office-Paket für den macintosh produzierte. Doch Apple erkaufte diesen Achtungserfolg sehr teuer, denn Microsoft ließ sich dafür quasi einen Freibrief für die Weiterentwicklung für Windows ausstellen, der Apple später in große Nöte bringen sollte. Mit den von Sculley zugesagten Rechten in der Hand, konnten Bill Gates und seine Juristen eine breit angelegte Ideenklau-Klage von Apple locker abwehren.

    Sculley schien spätestens 1992 den Spaß verloren zu haben, an der Spitze von Apple zu stehen. Er tummelte sich lieber im Umfeld der Washingtoner Politik als mit seinen Ingenieuren über innovative Produkte zu sprechen. Auch in der Entwicklung eines neuen Betriebssystems für den Macintosh kam Apple in dieser Zeit nicht voran. Und die Kunden waren von der unübersichtlichen Produktpalette von Apple heillos überfordert.

    John Sculley tritt zurück

    Nachdem Sculley monatelang vergeblich versucht hatte, einen großen IT-Konzern zum Einstieg bei Apple zu bewegen, gab er im Sommer 1993 auf. Am 18. Juni trat John Sculley zunächst als CEO zurück und übernahm den „Grüßgott-August“-Posten des Apple Chairman. Zu seinem Nachfolger wurde Michael Spindler berufen, der dann Apple noch tiefer in den Schlamassel reiten sollte. Nachdem Apple am 14. Oktober 1993 miserable Zahlen für das 4. Geschäftsquartal mit einem 97-prozentigen Gewinn-Rückgang verkünden musste, gab Sculley auch die Position des Chairman auf und verließ Apple für immer.

    Der Abgang wurde durch eine Abfindungszahlung in Höhe von einer Millionen Dollar versüßt. Außerdem erhielt Sculley noch einen mit 750.000 Dollar dotierten Beratervertrag. Apple kaufte ihm weiterhin seine 4-Millionen-Dollar-Villa in Woodside und seinen Learjet für zwei Millionen sowie Aktienoptionen im Wert von 2,4 Millionen Dollar ab. Kaum hatte Sculley das 10-Millionen-Dollar-Paket in den Händen, übernahm er bei Spectrum Information Technologies die Position des CEO und Chairman. Zu diesem Zeitpunkt leitete jedoch die amerikanische Börsenaufsicht SEC ein Verfahren gegen Spectrum wegen betrügerischer Bilanzierung ein, so dass Sculley sich bald wieder einen neuen Job suchen musste.

    Zusammen mit seinen Brüdern Arthur und David gründete John Sculley dann die Investment- und Beratungsfirma Sculley Brothers LLC und beteiligte sich später an verschiedenen Internet-Unternehmen und Start-ups.

    John Sculley
    John Sculley

    Im Februar 2011 bedauerte John Sculley im Schweizer Fernsehen, dass er dazu beigetragen hatte, dass Steve Jobs 1985 Apple den Rücken kehrte: „Steve ist unbestritten der beste Firmenchef, den es zu meinen Lebzeiten gab. Ihn rauszudrängen, war ein großer Fehler. Ich glaube nicht, dass Steve mir je verzeihen wird. Und ich denke, er wird nie wieder mit mir sprechen.“

    Tatsächlich fiel zwischen Jobs und Sculley nie wieder ein Wort. Der Apple-Gründer starb am 5. Oktober 2011, ohne noch einmal mit Sculley gesprochen zu haben.

    In einem BBC-Interview auf der Consumer Electronics Show 2012 in Las Vegas, wo er als Berater des Unternehmens Audax Health auftrat, betonte Sculley aber nochmals, er sei für den Niedergang von Apple Anfang der neunziger Jahre nicht verantwortlich gewesen:

    Als ich Apple verließ, hatte das Unternehmen zwei Milliarden Dollar Barreserven. Apple war eine der profitabelsten Computerfirmen in der Welt – nicht nur PC-Unternehmen. Apple war die Nummer eins beim Computer-Verkauf. Dass ich Steve (Jobs) gefeuert habe, ist ein Mythos, der falsch ist. Und der Mythos, dass ich Apple zerstört habe, stimmt ebenfalls nicht. Nachdem ich gegangen bin und bevor Steve wieder zurückgekommen ist, sind viele Dinge (bei Apple) passiert.

    John Sculley

    Quellen:

    John Sculley und John A. Byrne: Meine Karriere bei PepsiCo und Apple, ECON Taschenbuch Verlag, 2. Aufl. Düsseldorf, Wien 1991. (Dt. Ausgabe der Autobiografie Odyssey – Pepsi to Apple)

    Walter Isaacson: Steve Jobs, C.Bertelsmann Verlag, München 2011.

    Detlef Borchers: Apples Newton: Der Schwerkraft getrotzt, doch der Zeit voraus (Abgerufen: 20. Januar 2012, 20:20 UTC)

    Seite „Knowledge Navigator“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 19. November 2010, 19:05 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Knowledge_Navigator&oldid=81700331 (Abgerufen: 21. Januar 2012, 18:20 UTC)

    Artikel BBC Ex-Apple boss Sculley sets record straight on Jobs (Abgerufen: 21. Januar 2012, 16:35 UTC)

    Artikel Forbes.com For a Preview of the iPad3, Watch This 23-Year-Old Apple Video (Abgerufen: 21. Januar 2012, 18:10 UTC)

    Artikel: Apple – Erfolg und Misserfolg im Spiegel ausgewählter Produkte  (Abgerufen: 21. Januar 2012, 18:10 UTC)

    Leander Kahney: John Sculley On Steve Jobs, The Full Interview Transcript (Abgerufen: 29. Januar 2012, 20:05 UTC)

  • Die Apple-Geschichte in Bildern – Die Anfänge 1976-1984

    Die Apple-Geschichte in Bildern – Die Anfänge 1976-1984

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  • Showdown bei Apple: John Sculley vs. Steve Jobs

    Steve Jobs und John SculleyDer Apple Macintosh war nicht von Beginn an ein Erfolg. Die Hardware war für die Anforderungen einer grafischen Benutzeroberfläche nicht gerade üppig ausgelegt. Insbesondere der Hauptspeicher war knapp bemessen. Und es gab damals noch keine Festplatte für den Mac. Außerdem mangelte es noch an geeigneter Software.

    Dem Mac fehlten die Anwendungen, die im IBM-Werbespot für den PC die Charlie-Chaplin-Figur Karton für Karton durchs Bild schleppte. Werbung für den ersten IBM PCDaher bemühten sich Guy Kawasaki und andere “Software Evangelists” von Apple die Entwickler in anderen Softwarefirmen davon zu überzeugen, Programme für den Mac zu schreiben. Das mit 128 Kilobyte viel zu enge bemessene ROM des Mac machte diese Aufgabe nicht einfach. Erst als ein Jahr nach dem ersten Macintosh der “Fat Mac” mit 512 Kilobyte raus kam, war der enge Flaschenhals beseitigt.

    Das Problem spitzte sich zu, als Anfang 1985 sich in der Lagern die Macs türmten, die im Weihnachtsgeschäft 1984 keine Käufer gefunden hatten. Apple musste den ersten Quartalsverlust in der Unternehmensgeschichte veröffentlichen und ein Fünftel der Belegschaft entlassen. In einem Marathon-Meeting am 10. und 11. April 1985 verlangte Apple-CEO John Sculley, Steve Jobs den Posten eines Apple Vicepresident und General Managers der Macintosh-Abteilung zu entziehen.
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